Dienstag, 13. November 2012

Rezension: Die Tänze des Maghreb – Marokko – Algerien – Tunesien

VIVIANE  LIEVRE

DIE  TÄNZE  DES  MAGHREB

Dieses Sachbuch der französischen Ethnologin Viviane Lièvre gibt einen Einblick in ein Thema, das eher selten Eingang in Reiseführer findet, obwohl es zum gesellschaftlichen Leben dazugehört. So ähnlich die Länder des Maghreb sein können, so verschieden sind die Gruppen und Tänzer, die diese Tänze ausführen.

Das Buch ist in zwei große Abschnitte unterteilt, wovon der erste Teil fünf Kapitel enthält. Im zweiten Tel werden die wichtigsten traditionellen Tänze und Musikinstrumente im Maghreb lexikalisch aufgeführt.

Die ersten fünf Kapitel behandeln die Einführung in die „Stellung des Tanzes in der Kultur des Maghreb"
      1. Der islamische Einfluss
      2. Der Tanz, Vergnügung oder kollektiver Ritus
      3. Der Tanz bei den religiösen Bruderschaften 
4. Überlieferung, Folklore, Erneuerung
Im 5. Kapitel wird Marrakesch, die tanzende Stadt mit einem Beitrag von Jean – Yves Loude vorgestellt.

Im Vorwort weist die Autorin auf die Gemeinsamkeiten der Maghrebländer hin, wobei diese eher auf teilweise gemeinsame Geschichte zurückzuführen sind. Jedes Land, ob Algerien, Marokko oder Tunesien hat zudem seine eigene Traditionen und Gebräuche, auch bei den Tanzformen und Musikinstrumenten.
Die Berber, die Urbevölkerung dieser drei Länder kennen andere Tänze als die Araber, die ihre Tänze von der Arabischen Halbinsel mitbrachten. Die dritte Gruppe sind die ehemaligen Sklaven, die aus Schwarzafrika ihre Traditionen auch in der Fremde bewahrten. Eine weitere Gruppe stellen die mystischen Tänze im Sufismus dar.

Der islamische Einfluss



Das erste Kapitel beschreibt den islamischen Einfluss. Obwohl sich im Koran kein Verbot auf Tanzen und Musik bezieht, haben Rechtsgelehrte des Islam Kriterien für bzw. gegen Musik und die Zurschaustellung des Körpers entwickelt.
Trotzdem haben sich, gerade in den Ländern des Maghreb, die Musik und traditionelle Tanzformen erhalten.
Ob bei den jährlichen Festen zur Dattelernte, ob bei Familienfesten, besonders bei Hochzeiten, überall wird musiziert und getanzt.
Bei religiösen Festen des Islam gibt es kaum musikalische Darbietungen, eher religiöse Gesänge und Rezitationen.

Unterschiede der Tänze zwischen Stadt und Land

Im zweiten Kapitel wird der Unterschied zwischen Vergnügungen im städtischen Milieu und die Vielfalt an Musik und Tänzen in der ländlichen Kultur herausgestellt.
Sehr interessant geht die Autorin hier auch auf die klassische Musik ein, die ein komplettes Orchester erfordert mit Streich- und Blasinstrumenten (Laute, Flöte, etc. ) und trommeln sowie Chorsängern.
Wie im europäischen Ländern auch hört sich der reiche Städter in Fes, Tlemcen, Algier oder Tunis ein klassisches Konzert an.
Als klassisch wird die Musik des Malouf bezeichnet, die durch die schubweise Rückkehr der Andalusier ab dem 10. Jahrhundert bis zum 15. Jahrhundert in den Städten an der Küste ausgebreitet hat. Die Art der Musik wurde vornehmlich an den Höfen der Kalifen und Emire gespielt. Der dazugehörige Tanzstil Andalou wird von prächtig gekleideten und kunstvoll frisierten Tänzerinnen dargeboten. Tücher aus Seide und graziöse Armbewegungen unterstreichen die Arabesken der schweren Melodie.

In den ländlichen Traditionen zeigt sich die immense Vielfalt der Musik und Tanzstile der verschiedenen Bevölkerungsgruppen aller drei Länder. Auch das vorliegende Buch geht verstärkt auf die Vorstellung der Tänze in diesen Bereich ein. Dabei überwiegen die Tänze der Berber, die den größten Teil der Bevölkerung im Maghreb ausmachen, wobei die prozentuale Verteilung unterschiedlich ist. In Tunesien ist der arabische Einfluss am höchsten, nur noch rund drei Prozent Berber, in Algerien und Marokko ist der Anteil der Berber wesentlich höher, in Marokko rund sechzig Prozent.
Die Tänze gehen auf die vorislamischen Überlieferungen zurück. Es sind rituelle Tänze, im Jahresrhythmus aufgeführte Tänze oder Kampftänze. Es sind Tänze der Magie, zu Hochzeiten oder Geburten, Fruchtbarkeitstänze, um den Regen herbei zu wünschen. Meistens tanzen Gruppen von Frauen und Männern getrennt, wobei zum Beispiel bei den Tuareg die Tänzer von Musikerinnen begleitet werden, die das typische Zupfinstrument Imzad, die einsaitige Geige der Frauen, spielen.

Tänze der religiösen Bruderschaften

Das dritte Kapitel befasst sich mit den religiösen Bruderschaften, die aus dem Sufismus im Maghreb ab dem 16. Jahrhundert hervorgegangen sind. Ihre Tänze führen von einem einfachen Rausch zu einer Form der ekstatischen Trance, die Hadra genannt wird. Dabei stellen sich die Tänzer meist in einem Kreis auf, Schulter an Schulter und wiegen im Rhythmus der Musik vor und zurück.

Im vierten Kapitel geht die Autorin auf die Entwicklung und den Einfluss der Moderne auf die Tanz- und Musikstile ein, die durch den algerischen Rai auch in Deutschland bekannt wurden. Das fünfte Kapitel stellt Marrakesch als eine Stadt vor, in der man jeden Tag tanzen könnte.
Der lexikalische Teil geht auf die einzelnen Tänze speziell ein, beschreibt, wie getanzt wird, die Aufstellung der Tänzer oder Tänzerinnen und welche Musikinstrumente dazu verwendet werden, die wiederum auch einzeln beschrieben werden. Die Beschreibungen stellen die Tanzstile und Tänze vor, sind aber keine „Gebrauchsanleitung“.

Fazit:
Insgesamt ein interessantes Buch für diejenigen, die die Länder des Maghreb bereisen und während eines Festivals oder einer privaten Feier Gelegenheit haben die Tänze und Musikinstrumente näher kennen zu lernen. Die Beschreibungen der Tänze sind reich bebildert und gehen auf die Hintergründe ein, die Vorstellung der Musikinstrumente wird mit dazugehörigen Zeichnungen hervorgehoben.

Die französische Ethnologin Vivian Lièvre bereiste während ihrer Feldforschung die Länder des Maghreb, besonders Süd-Tunesien. Mit diesem Buch will sie den Kulturaustausch durch umfassende und verlässliche Informationen fördern. Insgesamt werden 45 Tänze und 16 Musikinstrumente beschrieben.

Vivian Lièvre
Die Tänze des Maghreb, Marokko – Algerien – Tunesien 
Paperback, 206 Seiten und zahlreiche Abbildungen
Preis: Euro 16,00
Verlag Otto Lambeck, 2008