Mittwoch, 2. September 2015

Sichtbar anders - aus dem Leben afrodeutscher Kinder und Jugendlicher

Brandes-Apsel
Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e. V. (Hrsg.)

SICHTBAR  ANDERS – aus dem Leben afrodeutscher Kinder und Jugendlicher

Verfasst von Eva Massingue

Wie ist das, wenn man keinen passenden Abdeckstift für die Pickel findet oder beim Friseur nur in ratlose Gesichter blickt? Wenn man als Kind »Braunie« genannt wird und als Jugendlicher hört: »Du sprichst aber gut Deutsch!« ? Wie geht es Afrodeutschen in einer Gesellschaft, in der die Mehrheit selbstverständlich davon ausgeht, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe »Ausländer« sind?
Ausführlich werden die Initiativen, Vereine und Selbsthilfegruppen gewürdigt, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. »Sichtbar anders« vermittelt wertvolle Einsichten in das Denken und Fühlen afro-deutscher Kinder und Jugendlicher. Der Leser gewinnt einen lebendigen Eindruck vom Neben- und Miteinander in der Einwanderungsgesellschaft.

Eva Massingue
Sichtbar anders – aus dem Leben afrodeutscher Kinder und Jugendlicher
Format 20,7 x 14,5 cm
172 Seiten mit Schwarz-Weiß-Fotos
2. Auflage 2010
nur Euro 12,90 inkl. MwSt.  Buch kaufen

Donnerstag, 27. August 2015

Neuerscheinung: Fes - Stadt des Islam

Fes - Stadt des Islam

NEUERSCHEINUNG

TITUS  BURCKHARDT

FES - STADT DES  ISLAM

Die marokkanische Stadt Fes war für den Orientalisten und Kunsthistoriker Titus Burckhardt Inbegriff der idealen islamischen Stadt, in der Religion, Gesellschaft und Wirtschaft eine stimmige Einheit bilden. Indem er Fes mit seinen Moscheen und Häusern, Handwerkern und Händlern, Gelehrten und Heiligen beschreibt, bietet er dem Leser zugleich ein eindrucksvolles Panorama der islamischen Zivilisation insgesamt. Ein Meisterwerk der literarischen Kulturgeschichtsschreibung.

Eine Stadt, die sich ihre jahrhundertealte Ordnung bewahrt hat, von modernen europäischen Einflüssen unberührt, trotz des französischen Protektorats selbstbewusst in sich und der Religion ruhend – so sah Titus Burckhardt Fes, als er die Stadt in den 1930er Jahren besuchte und lange blieb. In den fünfziger Jahren kehrte er zurück, entdeckte kaum merkliche Zeichen einer Veränderung und hielt das Leben der Stadt in seinem grandiosen Buch fest. Mit seinen Einblicken in Moscheen und Privathäuser, die dem Fremden sonst verschlossen sind, mit ausführlichen Zitaten klassischer arabischer Autoren sowie mit zahlreichen historischen Fotografien ist das Buch ein einzigartiges Dokument einer islamischen Kultur, die im 20. Jahrhundert versunken ist.   

Autor:
Titus Burckhardt, 1908 –1984, geboren in Florenz als Sohn des Bildhauers Carl Burckhardt, studierte Kunstgeschichte und Orientalistik und war vor allem als Übersetzer, Zeichner und Publizist tätig. 1972 erhielt er von der UNESCO den Auftrag zur Wahrung des Stadtbildes von Fes.

Vor- und Nachwort:
Navid Kermani, geboren 1967, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für seine Romane, Reportagen und wissenschaftlichen Werke wurde er vielfach ausgezeichnet. Navid Kermani erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2015. 
(Verlagstext)


Titus Burckhardt
Fes - Stadt des Islam
Leinen, mit 47 Photographien und 25 Zeichnungen des Verfassers
219 Seiten
1.Auflage 21. August 2015
Euro 26,95  Buch kaufen


Mittwoch, 19. August 2015

Rezension: Boko Haram - Der Vormarsch des Terror-Kalifats

Boko Haram

Rezension

MIKE  SMITH

BOKO  HARAM - Der Vormarsch des Terror-Kalifats

Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas (170 Millionen Einwohner) und durch seine reichen Erdölvorkommen eigentlich ein reiches Land. Und Nigeria ist zweigeteilt - in den reichen Süden mit christlichen und anderen Religionen und den armen Norden mit muslimischen und anderen Religionen. Die Präsidenten wechseln nach zwei Amtsperioden zwischen Nord und Süd ab, seit Mai 2015 ist wieder Muhammadu Buhari Staatspräsident, der dieses Amt bereits von 1983-1985 innehatte. Soziale, ethnische, regionale, religiöse Spannungen und eine unglaubliche Korruption bringen immer wieder Gewalt hervor und lassen Gruppen wie Boko Haram entstehen.

Der Journalist Mike Smith hat drei Jahre lang in Nigeria bei der Agentur Agence France-Press (AFP) gearbeitet und die Geschehnisse im Land verfolgt. In seinem Buch gibt er einen wichtigen Überblick über die aktuelle Situation im Land, Entwicklung und Aufstieg von Boko Haram, Armut, Korruption und „den Fluch des Öls“.

Ein wichtiges Kapitel beschreibt die Geschichte, die anschaulich die Entwicklung des Landes bis zur Gründung von Gruppen wie Boko Haram darstellt.
Etwa im 8. Jahrhundert verbreitete sich der Islam auf friedliche Weise mit den Händlern in Westafrika, ein Islam, der mit den heutigen Extremisten in keinster Weise vergleichbar war. Die Reiche Kanem und Bornu waren im Mittelalter reiche und stolze Regionen am südöstlichen Ende des Tschadsees und dominierten in Westafrika durch Handel und die Beziehungen erreichten die arabischen Länder des Nahen Ostens. Im frühen 19. Jahrhundert errichtete der Fulbe Osman dan Fodio das Kalifat von Sokoto im damaligen Haussaland.

Im Zuge der europäischen Kolonialisierung Afrikas drangen Engländer von der Küste aus immer weiter in den Norden Nigerias vor. Eisenbahnlinien und Straßen verbanden die Landesteile, Kaufleute und Händler vom Norden ließen sich im Süden nieder und anders herum brachten Leute aus dem Süden ihre Lebensweise in den Norden mit. Die verschiedenen Landesteile sollten miteinander vereint werden und so entstand ein föderaler Staat aus Norden, Westen und Osten, deren Premierminister alle zwei Amtsperioden wechselten. Im Norden blieben die traditionellen Strukturen mit der Verwaltung durch die Emire von Sokoto bis zu Unabhängigkeit 1960 erhalten. Aufgrund seiner Bevölkerungsdichte und seiner Größe erhielt der erste Premierminister aus dem Norden die meisten Sitze. Dieser nutzte die Gelegenheit und verbesserte die Lebensbedingungen für sich und die Bevölkerung im Norden, was zu Spannungen mit dem Süden führte. Als 1956 Erdöl gefunden und gefördert wurde, änderte sich die Lage und der Süden begann die Wirtschaft zu dominieren.
Nach der Unabhängigkeit kam es erneut zu ethnischen Spannungen zwischen den Völkern im Süden und dies löste den Biafrakrieg aus, der von 1967 bis 1970 dauerte. Es folgten etliche gestürzte Präsidenten und leere Staatskassen.

Über alldem steht die unglaubliche Korruption, die das Land beherrscht und Millionen von Naira in den Taschen der Politiker und ihrer Helfer verschwinden lässt, so dass ein sehr reiches Land eine sehr arme Bevölkerung hat. Im Nigerdelta beginnt der Kampf um die Gewinne aus der Erdölproduktion, Erdölpipelines werden in die Luft gesprengt, ausländische Ölarbeiter entführt. Im Norden verbreitet sich die Frustration unter den zahlreichen jugendlichen Arbeitslosen, was letztendlich zum Aufkommen von Gruppen wie Boko Haram führt, die zum Ersten die soziale Ungerechtigkeit anprangern und nachdem es keine Verbesserung gibt, den Staat angreifen. Bombenanschläge und Mord gehören nun im Norden zum Alltag. Nach dem ersten Chef von Boko Haram, Muhammed Yussuf, organisierte sich die Gruppe um Abubakr Shekau neu und noch brutalere Anschläge folgten. Uneinigkeit spaltete die Gruppe und es entstand Ansaru, die auch vor Entführungen, Selbstmordanschlägen und Gebietsbesetzungen nicht zurückschreckt.

Autor:
Der amerikanische Journalist Mike Smith hat seit 2010 den Aufstieg von Boko Haram in Nigeria für die Nachrichtenagentur AFP beobachtet und ist in zwischen in Paris tätig. Zahlreiche Artikel in großen Zeitungen und Magazinen wie „State Magazine“ oder „The Guardian“ sind von ihm erschienen.


Fazit:
Der Autor schildert in seinem Buch den Beginn und Aufstieg der Terrororganisation Boko Harram. Dabei ist das Kapitel über die Geschichte und die Entwicklung Nigerias bis heute sehr interessant und aufschlussreich. Es zeigt, wie sich Gruppierungen wie Boko Haram entwickeln konnten. Der Autor schildert den Lebensweg von Mohammed Yusuf, dem Gründer der Gruppe und seiner Nachfolger und beschreibt die Spannungen zwischen Militär, Regierung, Bürgerwehren und Boko Haram. Die zahlreichen Attentate und später die Entführungen, auch der Schülerinnen in Chibok, deren Schicksal immer noch nicht ganz geklärt ist.
Es wird in den europäischen Medien kaum berichtet, in wie weit der nigerianische Staat, die Armee und die Regierung durch Korruption und Nichtstun den Terroristen in die Hände spielt. Selbst organisierte Bürgerwehren und die Familien der entführten Schülerinnen, die die Organisation „Bring back our Girls“ gründeten, wurden zu Opfern der Regierungsverschleierungstaktik. Alleiniges Opfer ist die Bevölkerung dieses ölreichen Staates - ein Drama.
Ein spannendes und erschütterndes Buch, sehr gut zu lesen und empfehlenswert für diejenigen, die sich für die Hintergründe der Terrorgruppe Boko Haram interessieren.

Donnerstag, 13. August 2015

Rezension: AZAHRU - Wer den Weg verliert


Azahru
Wer den Weg verliert
BUCHEMPFEHLUNG

Richard Mackenrodt

AZAHRU - Wer den Weg verliert

In den 1930er Jahren fährt ein deutsches Ehepaar, er Ethnologe und sie Malerin und Tochter eines Porzellanfabrikanten in die Ténéré nach Nordniger, um für die Doktorarbeit des Mannes die bis dahin in Deutschland wenig bekannten Imajeren (Tuareg in Niger und Mali) zu studieren.

Ein Wörterbuch und zwei Babys

Sie treffen relativ schnell eine größere Gruppe, die sie als Gäste akzeptieren und damit sie sich besser verstehen, fängt der Mann an, ein Wörterbuch Tamaschek - Deutsch zu erstellen. Da Zeit für sie keine Rolle spielt, bleibt das Ehepaar so lange bei den Imajeren bis diese in die Air-Berge wandern, um ihre Salzkarawanen vorzubereiten. Die Frau des Amenokal erwartet ein Kind und einige Zeit später bringt auch die Deutsche ein Kind zur Welt, doch sie stirbt bei der Geburt.

Der zweite Weltkrieg kommt in die Sahara

Inzwischen ist in Europa der Zweite Weltkrieg ausgebrochen und so sieht der Ethnologe kaum Veranlassung, die Sahara zu verlassen und bleibt mit dem Baby im Niger. Zum Verhängnis wird für ihn ein Brief, den er seinem Schwiegervater schickt. Als dessen Neffe vom Schicksal seiner Cousine erfährt, schmiedet er Pläne, wie er die Fabrik seines Onkels erben könnte, auf die er schon so lange spekuliert. Nun war die Tochter zwar tot, aber ein Enkel und Erbe lebt. Mit allen Mitteln versucht er dies zu ändern und macht sich, inzwischen bei der SS, auf den Weg in die Sahara, um das Kind zu suchen und sich dieses Widersachers zu entledigen.

Ein brennendes Zelt und zwei Tote

Vater und Sohn Leo leben einige Jahre an der Seite der Imajeren. Eine junge Frau hilft dem Vater, der mit seinen Studien gut vorankommt. Er schreibt sehr viel über die Lebensweise der Tuareg und auch weiter an seinem Wörterbuch, bis die Imajeren eines Tages feststellen, dass es doch eigentlich Zeit für eine Hochzeit der beiden sei. Leos Vater getraut sich nicht zu fragen, nach dem seine Frau erst vor ein paar Jahren gestorben war, doch nun will er seinen Mut zusammennehmen, da passiert das Unglück. Eines Nachts werden beide am Zelt überfallen und getötet. Leo kann sich gerade noch verstecken, doch er muss die Tat mit ansehen und erleidet einen tiefen Schock. Er hört wie jemand auf Deutsch seinen Namen ruft und nach ihm sucht.  Das Zelt steht in Flammen wobei die Schriften verlorengehen. Leo stürzt aus dem brennenden Zelt und läuft in die Ténéré hinaus. Die Imajeren sehen die Flammen und rennen zum Zelt, aber sie finden den Jungen nicht.

Aus Leo wird Azahru

Der Amenokal und seine Familie nehmen Leo in die Gruppe auf und geben ihm den Namen Azahru - weißer Löwe. Er wächst bei den Imajeren auf und weiß nach seinem Schock von alldem noch nichts, bis eines Tages jemand nach freiwilligen Soldaten für den Krieg gegen Deutschland sucht und dabei zufällig den Jungen mit den blonden Haaren entdeckt. Er hört seinen deutschen Namen wieder und langsam kommen die Erinnerungen zurück.
Nun droht ihm Gefahr, denn man will ihn töten, allerdings weiß er nicht warum. Und dann erfährt Azahru, wer er wirklich ist und sein bisher unbeschwertes Leben ändert sich schlagartig. Plötzlich wird er sich seiner Fremdheit bewusst, er versteht nun, warum seine Schwester Dafinah und Lassad sich immer ablehnend verhalten haben, alle wussten es, nur er nicht. Azahru sieht sich nicht mehr als Targi, der mit der Salzkarawane unterwegs ist und der Wüste trotzt und sein Leben wird für ihn kompliziert. Er verlässt die Sahara und seine Lieben…. Wird er wiederkommen ?


Autor:
Richard Mackenrodt wurde 1963 in Stuttgart geboren und ist ein erfolgreicher Drehbuchautor und freier Schriftsteller. Azahru ist sein erster Roman, inzwischen kamen zwei weitere dazu: „Mein Leben davor“ und „Die kleine Insel am Ende der Welt“.

Fazit:
Dieser Roman ist seit langem das erste Buch der Tuaregliteratur, das wirklich gelungen ist und sehr gut geschrieben wurde.
Der Leser rutscht in die Geschichte hinein und wird ein Teil der Imajerengruppe die mit der Salzkarawane zur Oase nach Fachi zieht, Sandstürme und Regen in der Sahara auf dem Weg nach Kano im Norden Nigerias überstehen muss.
Endlich mal wieder ein großartiger Roman, viel weniger kitschig als die Bücher, die zu diesem Thema in den letzten Jahren erschienen sind. Man merkt, dass ein erfahrener Drehbuchautor die  Geschichte geschrieben hat, die Erzählstränge werden an den richtigen Stellen unterbrochen, die Spannung wird gekonnt aufrechterhalten, die Erzählsprache ist flüssig, man kann sich in die Figur des Azahru hineinversetzen und fühlt sich plötzlich mitten drin, in den Sanddünen der Ténéré.
Vielen Dank dem Autor Richard Mackenrodt für diesen sehr empfehlenswerten und gelungenen Roman, der unbedingt gelesen werden sollte.

Bis auf ein paar Kleinigkeiten (Gläser Tee statt Tassen und Tamariskennadeln statt große Blätter) und eine Abweichung, dass nämlich Imajeren- bzw. Imuharväter ihre Töchter fast mehr noch als ihre Söhne lieben, ist das Leben der Tuareg so dargestellt, wie es im Nordniger bis zum Ende der 1980er Jahre realistisch war.

Euro 24,99 Buch kaufen


Mittwoch, 12. August 2015

Das Afrika - Lexikon

Das Afrika Lexikon 

JACOB  EMMANUEL  MABE

DAS  AFRIKA - LEXIKON

Ein Kontinent in 1000 Stichwörtern

Das vorliegende Werk ist die erste umfassende Informationsquelle über den afrikanischen Kontinent in Europa. Fachwissenschaftler informieren über Geografie und Geschichte, Politik und Wirtschaft, Länder, Gesellschaften und Kulturen, Sprachen und Literaturen, Kunst und Musik, Religionen und Philosophie. Ein unentbehrliches Nachschlagewerk.

Autor:
Jacob Emmanuel Mabe, geboren 1959 in Mandoumba/Kamerun, studierte Philosophie, Politikwissenschaft, Wissenschaftstheorie und Volkswirtschaft in München. Er promovierte in Politikwissenschaft und Philosophie. Nach Lehrtätigkeiten in Frankfurt und Aachen unterrichtet er heute an der Humboldt-Universität der FU Berlin.
(Verlagstext)

Jacob Emmanuel Mabe
Das Afrika Lexikon
kartonierte Sonderausgabe
720 Seiten
nur Euro 29,90  Buch kaufen

Jacob Emmanuel Mabe
Das Afrika Lexikon
Gebunden, 80 Abbildungen
720 Seiten
Euro 64,90  Buch kaufen


Visionäre Afrikas

Moustapha Diallo

MOUSTAPHA  DIALLO

VISIONÄRE  AFRIKAS 

Der Kontinent in ungewöhnlichen Porträts

In über 40 Portraits erzählt dieses Buch von außergewöhnlichen Menschen Afrikas. Von Frauen und Männern, die bewundert werden, geachtet und geliebt, weil sie eine Vision hatten und nicht von ihr ließen, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Für ihr Dorf, ihre Region, ihr Land. Als Erfinder oder Universitätsgründer, als Widerstandskämpferin oder Popmusiker, als Umweltaktivist oder Schriftstellerin. Alle Portraits sind von Afrikanerinnen und Afrikanern geschrieben.

Unter den Autorinnen und Autoren der - mal essayistischen, mal erzählerischen Beiträge -  finden sich bekannte Namen wie Véronique Tadjo, Monique Ilboudo, Sami Tchak und Patrice Nganang, aber auch Autoren, die sich erstmals einem deutschen Lesepublikum vorstellen. Ein buntes, facettenreiches  Buch über besondere Menschen Afrikas, gesehen mit afrikanischen Augen.

Autor:
Moustapha Diallo studierte im Senegal, in Österreich, Deutschland und Frankreich. Er promovierte in Frankreich zum Thema „Wahrnehmung und Darstellung des Fremden im Werk Ingeborg Bachmanns“ und arbeitet zur Zeit an einem Habilitationsprojekt über Interkulturalität. Er arbeitete als Lehrbeauftragter am Germanistischen Institut der Uni Paderborn und als Deutschlehrer in Münster.
(Verlagstext)

Moustapha Diallo (Hrsg.)
Visionäre Afrikas
Klappenbroschur
368 Seiten
1.Auflage  
Euro 29,90  Buch kaufen

Der letzte Fürst

Ahmadou Kourouma

AHMADOU  KOUROUMA

DER  LETZTE  FÜRST

Fama Doumbouya ist der letzte Spross eines alten, ehemals reichen und stolzen Malinke-Fürstengeschlechts. Verarmt und geschlagen mit der schlimmsten Geißel des traditionellen Afrika, der Unfruchtbarkeit, lebt er mit seiner Frau Salimata in der Hauptstadt. Angewidert von den Machenschaften der korrupten Führungsschichten verteidigt er aber noch immer wütend den Geist der großen Händler und Hauptleute, die schöne Welt der alten Fürstentümer. Als sein Cousin stirbt, wird ihm noch einmal die Übernahme der Herrscherwürde angetragen.

Aus dem Französischen von Horst Lothar Teweleit

Autor:
Ahmadou Kourouma wurde 1927 in der westafrikanischen Elfenbeinküste geboren. Nach bewegten Jugendjahren - als Rädelsführer von der Schule verwiesen und in die französische Armee eingezogen und wegen politischer Aktivitäten nach Indochina strafversetzt - wurde er Versicherungsmathematiker. Als Kourouma 1963 wegen eines angeblichen politischen Komplotts verhaftet wurde, schrieb der den Roman "Der letzte Fürst", der ihn auf einen Schlag weltberühmt machte. Danach verfasste er ein Theaterstück, das ihm 20 Jahre Exil einbrachte. Für den Roman "Die Nächste des großen Jägers", der monatelang an der Spitze der französischen Bestsellerlisten stand, erhielt er drei Literaturpreise. Ahmadou Kourouma starb 2003 in Lyon.
(Verlagstext)

Ahmadou Kourouma
Der letzte Fürst
Hardcover
220 Seiten  
1.Auflage  
Euro 19,90  Buch kaufen

NEUERSCHEINUNG - Afrika - Geschichte eines bunten Kontinents

Lutz von Dijk
 LUTZ  VAN  DIJK

AFRIKA - GESCHICHTE  EINES  BUNTEN  KONTINENTS

Neu erzählt mit afrikanischen Stimmen

Afrika – mit 54 Staaten, über 1000 Sprachen und der jüngsten Bevölkerung der Welt – ist bunt und vielfältig, uralt und modern. In Europas Erzählung vom „schwarzen Kontinent“ klingt diese Vielfalt selten an. Mit erstaunlicher Hartnäckigkeit hält sie fest an der Mär von Afrikas Geschichtslosigkeit und politischer Bedeutungslosigkeit, die aktuellen Medienbilder bleiben verkürzt auf politische Schreckensszenarien und exotische Folklore.

Lutz van Dijks spannende Geschichte Afrikas – die er vor allem für junge Leserinnen und Leser geschrieben hat – will es anders und beleuchtet unzählige Facetten des Kontinents. Sie beginnt bei der Entstehung des Erdteils und den ersten Menschen, die von hier aus in alle Welt wanderten. Sie erzählt von den frühen Hochkulturen im islamischen Norden und den christlichen und traditionell-afrikanisch geprägten Kulturen im Süden, vom Leben in der Steppe und in den modernen Großstädten. Der Autor berichtet von den Jahrhunderten europäischer Kolonialisierung und der Befreiung und macht schließlich hochaktuelle Themen wie Aids und Ebola, die neue Rolle Chinas, den „arabischen Frühling“, Boko Haram, Flucht und Vertreibung verständlicher.

Die größte Stärke dieses Werks aber liegt darin, dass Afrikanerinnen und Afrikaner immer wieder selbst zu Wort kommen: Sie erzählen von ihrem Leben und ihren Hoffnungen und machen das Bild von Afrika endlich menschlich und lebendig: das nachhaltigste Mittel gegen das Klischee vom schwarzen Kontinent!

Autor:

Lutz van Dijk, 1955 in Berlin geboren, war Lehrer in Hamburg, bevor er Mitarbeiter am Anne Frank Haus in Amsterdam wurde. Er promovierte über „Oppositionelles Lehrerverhalten 1933-1945“ und hatte eine tragende Rolle in der pädagogischen Friedensarbeit der 80er Jahre. Seit 2001 lebt er als Schriftsteller und Mitbegründer der südafrikanischen Stiftung HOKISA für von HIV/Aids betroffene Kinder und Jugendliche in Kapstadt. Seine Romane und Sachbücher waren u.a. nominiert für den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis und den Deutschen Jugendliteraturpreis. 2001 erhielt Lutz van Dijk den Gustav-Heinemann-Friedenspreis, 2009 die Poetik-Ehrenprofessur der Universität von Oldenburg.

(Verlagstext)
  
Lutz van Dijk
Afrika - Geschichte eines bunten Kontinents
gebunden, durchgehend vierfarbig
rund 320 Seiten mit zahlreichen Karten und Abbildungen
1.Auflage 2015
Euro 22,00  Buch kaufen

ab 12 Jahren


Rezension: Arabische Medien

Arabische Medien
Rezension

Asiem el-Difraoui, Carola Richter

ARABISCHE  MEDIEN  

Dieses Buch gibt einen interessanten Einblick in die Medienlandschaft der unterschiedlichsten arabischen und maghrebinischen Länder. In Nordafrika und im Nahen Osten leben über 300 Millionen Menschen, damit eine vergleichbare Zahl möglicher Zeitungsleser, Fernsehzuschauer oder Internetnutzer wie in Europa, allerdings mit ungleich schwierigeren Nutzungsbedingungen.

Zum ersten Mal werden die Mediensysteme insgesamt betrachtet und „in Zusammenhang mit historischen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen gebracht und inner-regional verglichen“.

In der Einführung wird erklärt, wie das Fachbuch aufgebaut ist. Im ersten Teil werden transnationale Themen betrachtet. Dabei wird zuerst auf die Geschichte der arabischen Massenmedien von 1860 bis 1950 eingegangen. Danach setzt die Unabhängigkeit für die meisten Länder ein.

Transnationales Satellitenfernsehen wie al-Jazeera sendete Bilder, Nachrichten und Diskussionen in die ganze arabische und nordafrikanische Welt und vom Nahen Osten in europäische Haushalte. Zum ersten Mal in der arabischen Geschichte konnten Meinungen und Begebenheiten in Jordanien auch in Marokko gesehen werden.

Auswirkungen und Möglichkeiten zur Nutzung sozialer Netzwerke, sowie der politischen Rolle von Facebook oder Twitter wird ein Kapitel gewidmet. Wie sich die Mediatisierung in der arabischen Welt auf den Alltag auswirkt zeigen Beispiele, wie Facebook oder Twitter im Privaten, z.B. in Marokko zwischen Familien, die teilweise in Frankreich leben, genutzt werden.

Ein weiteres Kapitel setzt sich mit der „Darstellung von Geschlecht“ und die „Teilhabe der Geschlechter an der Medienproduktion“ auseinander. Frauen haben seit Beginn der Mediengeschichte aktiv daran teilgenommen. Es entstanden Frauenzeitschriften, die nicht nur die Mode oder Haushaltsführung zum Thema hatten, sondern auch Reiseberichte, Biographien, Nachrichten und philosophische Artikel. Später kamen Debatten über Frauenrechte und allgemeine Gesellschaftsthemen dazu. Heute sitzen Frauen und Männer gemeinsam im Studio und übermitteln, z.B. bei al-Jazeera die Nachrichten und Interviews zu aktuellen Themen. Dabei werden sie angehalten, konforme Kleidung zu tragen, das sich wiederum auf die Kleidung der Zuschauenden auswirken soll.

Im Kapitel Medien und Minderheiten werden drei Länder, die für weitere stehen, als Beispiele herausgestellt. Dabei wird die Nutzung der Medien von Kopten in Ägypten, Imazighen in Marokko und Kurden im Irak betrachtet und welche Ziele sie verfolgen, bereits erreicht haben und auf welche Schwierigkeiten sie stoßen.

Wie das Internet heute durch islamistische Medien missbraucht wird, zeigt das überaus aktuelle Thema „Vom Wahhabismus über die Muslimbrüder zum Cyber-Dschihad“.

Alle Kapitel enthalten ein zusammenfassendes Fazit und eine Literaturliste.

Im zweiten Teil werden 18 Länder im Einzelnen und ihre Besonderheiten in der Medienlandschaft vorgestellt, darunter die 6 Länder Nordafrikas (Ägypten, Algerien, Libyen, Marokko, Sudan, Tunesien) und 12 Länder im Nahen Osten (Bahrain, Irak, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Oman, Palästina, Qatar, Saudi-Arabien, Syrien, Vereinigte Arabische Emirate).

Allen Ländern wird ein historischer Rückblick vorangestellt, um dann die „Gesellschaftlichen Verhältnisse“, die „politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen“, „Ökonomischer Kontext“ und „Technologische Infrastruktur“ zu beschreiben. Ein Ausblick und Literaturhinweise stehen am Ende jeden Kapitels.

Am Ende werden alle Autoren und ihre Tätigkeiten vorgestellt.

Autoren:
Mitherausgeber Asiem el-Difraoui ist den deutschen Fernsehzuschauern als klarer Analytiker der politischen Vorkommnisse im Nahen Osten ein Begriff. Er und 21 Kollegen, darunter Daniel Gerlach, Herausgeber der Zeitschrift Zenith und Journalisten aus Jemen und Libanon, haben Politikwissenschaften, Arabistik, Orientalistik, Islamwissenschaften, Ethnologie, Soziologie, Psychologie und Medienwissenschaften studiert und sind in der  Forschung tätig.


Fazit:
Dieses sehr interessante Buch empfiehlt sich für alle, die sich über die Medien in arabischen und nordafrikanischen Ländern informieren wollen, Studenten wie Journalisten. Gerade der zweite Teil gibt gute Einblicke in die Medien der einzelnen Länder und diese tragen zum Verständnis über die politische Rolle der Zeitungen oder Fernsehsendungen bei. Durch das Satellitenfernsehen haben die Menschen in Nordafrika und im Nahen Osten die Möglichkeit sich auch europäische oder amerikanische Sender anzusehen und können sich ihre eigene Meinung über die Informationen bilden oder vice versa, wenn sich Europäer al-Djaziera o.ä. andere ansehen, zumal die europäischen Medien zunehmend einseitiger berichten. Für weiterführende Arbeiten können die, in den Kapiteln angegebenen Zeitungen, von den Interessenten über Internet aufgerufen werden und oft gibt es französische oder englische Ausgaben von Internetzeitungen.
Das Buch zeigt auf diese Weise die heutige Vernetzung der Welt über die Medien, wie sie genutzt und missbraucht wird. Man tut gut daran, sich vielfältig zu informieren und mit Hilfe der Zeitungstitel oder Namen der Fernsehsender in diesem Buch gelingt dies leichter. Man kann sich für die sicher nicht immer einfache Recherchetätigkeit bei den Autoren vielmals bedanken. 


Azahru - Wer den Weg verliert

Azahru - Wer den Weg verliert
RICHARD  MACKENRODT

AZAHRÚ - WER DEN WEG VERLIERT  

Roman

In der Wüste gibt es nichts - und es gibt alles. Keine andere Landschaft der Erde wühlt so tiefgreifende Emotionen auf, und das gilt in ganz besonderem Maße für die Sahara, die Königin unter den  Wüsten. In der Ténéré, wie die Tuareg im Niger sie nennen, erzählt der Autor Richard Mackenroth eine unglaubliche Geschichte, die auf wahren Begebenheiten basiert.

In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wächst Azahrú auf als Sohn eines Tuareg-Anführers. Mitten in der Sahara. Ohne zu wissen, dass es jemanden gibt, der es auf sein Leben abgesehen hat. Denn in Wirklichkeit ist er der Sohn deutscher Eltern, die längst tot sind.

Dem Rätsel seiner Herkunft kommt Azahrú erst viele Jahre später auf die Spur. Als junger Mann bringt er den Mut auf, die Wüste zu verlassen, reist nach Europa und begibt sich auf die Suche. Dabei widerfahren ihm Dinge, die so ungeheuerlich sind, dass ein einfacher Junge aus der Wüste daran eigentlich zerbrechen müsste. Aber die Tuareg sind zäh. Sie sind es gewohnt, der Natur zu trotzen, mit wenig auszukommen und ungeachtet aller Entbehrungen ihre Kamelkarawanen erfolgreich tausende Kilometer durch die Wüste zu führen. Zu Fuß. Schritt für Schritt. Solche Menschen geben nicht einfach auf.

Die traditionelle Kultur der Tuareg ist im Untergang begriffen. Nur wenige von ihnen ziehen im 21. Jahrhundert noch als Nomaden von Oase zu Oase und leben von Salzkarawanen. Ein Schluck Wasser ist für sie eine wertvolle Kostbarkeit, eine gemeinsam eingenommene Tasse Tee der Inbegriff von Freundschaft und Respekt. Dieser Roman ist ein Stück weit so, wie auch sie es sind: ernsthaft und stolz, aber in vielen Momenten auch albern wie die Kinder.

"Azahrú - Wer den Weg verliert" erzählt auf fast 500 Seiten eine machtvolle Geschichte über Heimat, Identität und Erlösung. Und fast wie nebenbei auch noch eine der größten Liebesgeschichten aller Zeiten. (Verlagstext)

Autor:
Richard Mackenrodt, geboren 1963 in Stuttgart, lebt als freier Schriftsteller in München. Er ist seit vielen Jahren ein sehr erfolgreicher Drehbuchautor. „Azahru - Wer den Weg verliert“ ist sein erster Roman. Inzwischen sind zwei weitere erschienen, „Mein Leben davor“ und „Die kleine Insel am Ende der Welt“.


Richard Mackenrodt
Azahrú - Wer den Weg verliert
Hardcover, 496 Seiten
1.Auflage November 2014
Euro 24,99 Buch kaufen


Montag, 27. Juli 2015

NEUERSCHEINUNG Boko Haram

Boko Haram
MIKE  SMITH

BOKO  HARAM  -  Der Vormarsch des Terror-Kalifats

Die islamistische Sekte Boko Haram, die 2014 durch die Entführung von über 200 christlichen Schülerinnen Schlagzeilen machte, kontrolliert in Nigeria und Kamerun ein riesiges „Kalifat“, dem bereits Tausende Christen und Muslime zum Opfer gefallen sind. Der amerikanische Journalist Mike Smith hat die geheimnisvolle Gruppierung mehr als drei Jahre lang in Nigeria beobachtet und lässt den Leser durch zahlreiche Augenzeugenberichte hautnah erleben, was dort vor sich geht. Er erklärt, was Boko Haram (wörtlich: „Bildung verboten“) für junge Afrikaner so attraktiv macht, wie die Gruppierung entstanden ist, welche Beziehungen zu al-Qaida bestehen und warum die größte Volkswirtschaft Afrikas dem Terror so hilflos gegenübersteht. Sein alarmierender Lagebericht ist eine Mahnung an den Westen, nicht länger die Augen vor dem expandierenden Kalifat zu verschließen.

Aus dem Englischen von Ursula Pesch, Karlheinz Dürr und Karsten Petersen

Autor:
Mike Smith hat seit 2010 den Aufstieg von Boko Haram in Nigeria für die Nachrichtenagentur AFP beobachtet und ist inzwischen in Paris stationiert. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel in großen Zeitungen und Magazinen wie Slate magazine oder The Guardian.

(Verlagstext)


Mike Smith
Boko Haram
Klappenbroschur mit 3 Karten
288 Seiten
1.Auflage Juli 2015
Euro 14,95 inkl. MwSt.  Buch kaufen


NEUERSCHEINUNG: Arabische Medien

Arabische Medien
CAROLA  RICHTER
ASIEM  EL  DIFRAOUI 

ARABISCHE  MEDIEN

Facebook-Revolution, Twitter-Jihad und Al-Jazeera-Effekt – diese leeren Schlagwörter tauchen häufig in westlichen Medien und in Forschungspublikationen auf. Aber welche Rolle spielen arabische Medien wirklich? Das erste Standardwerk in deutscher Sprache bietet einen grundlegenden Überblick über aktuelle Medienentwicklungen in arabischen Ländern und eine fundierte Einführung in deren Mediensysteme. Das Buch hilft, die Rolle der Medien innerhalb der dynamischen und zum Teil dramatischen Entwicklungen von Gesellschaft und Politik in der arabischen Welt besser einordnen und verstehen zu können.

Im Fokus des ersten Teils stehen transnationale Phänomene wie die Bedeutung des Satellitenfernsehens und der Sozialen Medien sowie die Rolle von Minderheiten, Gender und Islamisten in den Medien. Diese Beiträge geben den aktuellen Stand der Forschung wieder und reflektieren diesen.
Im zweiten Teil des Buches werden in 18 Länderstudien – von Marokko bis zum Irak – die nationalen Besonderheiten der Medien betrachtet, die aus unterschiedlichen politischen Systemen, rechtlichen Beschränkungen, ökonomischen Voraussetzungen und der jeweiligen Soziodemographie resultieren. Durch ihre Analyse wird zu einem tieferen Verständnis der Medien der einzelnen Länder beigetragen.

Zielgruppe des Bandes sind Akademiker und Studierende von Kommunikations-, Islam- und Politikwissenschaft sowie Journalisten, in der Entwicklungszusammenarbeit Tätige und alle, die sich für die arabische Welt interessieren.


Herausgeber:
Dr. Carola Richter ist Juniorprofessorin für Internationale Kommunikation an der Freien Universität Berlin. Sie forscht zu Mediensystemen und Protestbewegungen in der arabischen Welt, Auslandsberichterstattung und Public Diplomacy.

Dr. Asiem El Difraoui ist Politologe und preisgekrönter Dokumentarfilm-Autor. Er arbeitet als Senior Fellow am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin und hat ausgiebig über Medien als politische Infrastruktur in der arabischen Welt sowie islamistische Medien geforscht und publiziert.

(Verlagstext)

Carola Richter, Asiem el-Difraoui
Arabische Medien
Paperback
344 Seiten
1. Auflage Juli 2015
Euro 44,00 inkl. MwSt.   Buch kaufen


Mittwoch, 24. Juni 2015

Rezension Augustinus - Genie und Heiliger

Augustinus Biographie

Rezension

KLAUS  ROSEN

AUGUSTINUS  -  GENIE  UND  HEILIGER          
Eine historische Biographie

Wer heute im lauschigen Biergarten ein Augustiner-Weizen genießt, oder eines der vielen Augustinerklöster oder Augustinerkirchen besucht, denkt schon daran, dass der Namensgeber, der heilige Augustinus, einer der einflussreichsten Kirchenväter und Bischof von Hippo Regius, dem heutigen Annaba in Nordalgerien war.

Aurelius Augustinus lebte von 354 bis 430 n. Chr. als Nordafrika als Africa proconsularis zum Römischen Imperium gehörte. Die Christenverfolgungen, die unter seinem Vorgänger Diokletian brutal durchgesetzt wurden, hörten unter Kaiser Konstantin (313/324 n.Chr.) auf und dieser bekannte sich immer mehr zum Monotheismus. In der Zeit stritten die verschiedenen christlichen Gruppen wie Donatisten, Arianer und Orthodoxe untereinander. Als Augustinus am 13. November 354 in Thagaste, dem heutigen Souk Ahras in Ostalgerien, geboren wurde, war die katholische Kirche dabei, sich zu etablieren und später trug er als Bischof von Hippo wesentlich dazu bei.

Seine Eltern erhofften sich für ihren Sohn eine gute Ausbildung und so ging Augustinus nach der Schule und Ausbildung in Grammatik und Rhetorik zum Universitätsstudium nach Karthago. Dort lernte er als junger Mann nicht nur die Unterrichtssäle sondern auch das ungezwungene Leben der „Großstadt“ kennen. Karthago war die Hauptstadt des africanischen römischen Reiches zu dem Numidien, die Heimat des Augustinus gehörte. Diese damals quirlige Metropole bot mit Theatern, Bädern und anderen Vergnügen eine willkommene Abwechslung. In die Kirchen ging Augustinus „um sich nach Mädchen umzusehen“, vom Gebet zum Einen christlichen Gott hielt er damals nicht mehr viel, nachdem er als 7jähriger eher schlechte Erfahrungen machte, als er Gott um Hilfe anflehte, er „möchte in der Schule keine Schläge mehr bekommen“, diese Hilfe ausblieb und die Eltern ihn überdies noch auslachten.
  
Augustinus selbst war nicht von Beginn an Christ katholischen Glaubens, wie es seine Mutter Monnica für ihn erhofft hatte. Sie selbst bekannte sich sehr früh zum Katholizismus, doch ihr Glück erfüllte sich erst kurz vor ihrem Tod in Italien. Hier bekehrte sich ihr Sohn Augustinus nach langem Zweifeln, Unsicherheit, Unwohlsein und innerer Unzufriedenheit zum katholischen Glauben.
Vorher war er vom Manichäertum überzeugt und überzeugte viele seiner Freunde, sehr zu seinem späteren Bedauern, als er sie wieder zum Katholizismus bekehren wollte und dies nur teilweise vermochte.
Augustinus Sohn Adeodatus (d.h. von Gott geschenkt), den er sehr schätzte und Alypius, sein Freund und späterer Bischof von Thagaste bekehrten sich  mit ihm 387 in der Nähe von Mailand.
Bevor Augustinus in seine Heimat Africa zurückkehrte und dort ab 395 als Bischof in Hippo wirkte,  fanden seine Mutter, die spätere heilige Monnica, und sein Sohn Adeodatus den Tod.

In dieser Zeit gab es viel mehr christliche Glaubensgemeinschaften in Nordafrika, wie z.B. die Donatisten, deren Mitgliederzahlen, zeitweise die der Katholiken überstiegen. Mit ihnen schrieb und stritt sich Augustinus um Auslegungsfragen. Dazu kamen die Pelagonier und mit den Goten  und Vandalen die arianische Glaubensvorstellung.
Er schrieb unzählige Bücher und Briefe um Zweifler zu mahnen und zur wahren Kirche zurückzukehren, Freunden Trost auszusprechen, Bittstellern zu Glaubensfragen zu helfen. Er diskutierte mit seinen Bischofkollegen in Jerusalem und Bethlehem genauso wie mit jenen in den 208 Diözesen im heutigen Tunesien, Algerien und Libyen.

Man kann sich heute kaum vorstellen, welches Arbeitspensum Augustinus absolvierte. Täglich, manchmal Tag und Nacht, schrieb er an seinen Büchern, beantwortete Briefe, antwortete auf Bücher seiner Gegner mit Kommentaren aus denen oft ebenfalls Bücher wurden. Gleichzeitig war er als Bischof von Hippo Vorstand einer der größten katholischen Gemeinden, die neben Karthago in Tunesien und dem heutigen Cherchell auch in Algerien die einflussreichsten des römischen Reiches waren. Er erhielt Briefe von Päpsten und Kaisern, gab Bibelerklärungen, gute Ratschläge für friedliche Auseinandersetzungen anstatt Kriege.
Er legte eine umfangreiche Bibliothek seiner und anderer Werke an, reiste zu Konzilen oder zum Kaiser nach  Ravenna, um Einfluss zur Begnadigung oder zumindest Abkehr von der Todesstrafe zu erwirken.

In seinem letzten Lebensabschnitt hatte er es mit Veränderungen zu tun, die kriegerischer Art waren, wie 410 die Überfälle der Goten in Rom, die er als Strafe Gottes über die römische Götterverehrung ansah. Tausende Römer flohen nach Nordafrika.
Die Einwanderung der Vandalen und Sueben, die 429 auf afrikanischen Boden im heutigen Marokko ankamen, erlebte er direkt mit. Seine Bitte, Gott möge ihn zu sich holen, bevor die Vandalen nach Hippo kamen, wurde 430 erhört und so lebte der große Bischof nicht mehr als Hippo 431 und Karthago 439 eingenommen wurden.

Augustinus beeindruckendes Erbe
Das Buch besteht aus einem Vorwort des Herausgebers über das Interesse an Biographien und einem des Autors mit beeindruckenden Zahlen. Demnach hielt Augustinus 8000 Predigten, von denen heute noch 559 erhalten sind. Er hinterließ ein „Bergwerk“ von Schriften mit etwa 5,2 Millionen Wörtern, zum Vergleich werden Platon mit 600000 und Aristoteles mit 875000 Wörtern angeführt, die von Augustinus bei weitem übertroffen werden. Der Philosoph Karl Jaspers meinte dazu: „Es ist, als ob Augustinus jeden Tag geschrieben hätte und nun der Leser ein ebenso langes Leben zum Lesen wie Augustinus zum Schreiben brauche“.
Im Nachwort informiert der Autor über den heutigen Stand der Literatur über Augustinus, die Erweiterung der Forschung und die Augustinerklöster, von denen es Frauen- und Männerorden gibt.
Interessant ist auch, dass es heute weltweite Augustinerorden und wissenschaftliche Augustinus-Institute gibt, die sich mit den rund 15000 mittelalterlichen Handschriften, die sich bis heute erhalten haben, beschäftigen. Die Mönchsregeln, die der hl. Augustinus seinen Nachfolgern auferlegte, haben über hundert Orden beeinflusst, dazu gehören unter anderen auch die Augustiner-Barfüßer oder der Birgittinnenorden. Das Zentrum für Augustinus-Forschung ist in Würzburg.

In 17 Kapiteln wird das Leben von der Kindheit bis zum Tod des Kirchenvaters erzählt. Es folgen Anmerkungen, Bibliographie, Register und eine Zeittafel.

Autor:
Professor Dr. Dr. Klaus Rosen lehrte Alte Geschichte an den Universitäten in Pretoria, Freiburg, Eichstätt und Bonn, bevor er 2002 emeritierte. Er ist Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste.
Bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft sind von Professor Rosen weitere Bücher erschienen: „Ammianus Marcellinus. Erträge der Forschung“ (1982) und „Griechische Geschichte erzählt. Von den Anfängen bis 338 v. Chr.“ (2006)


Fazit:
Ein beeindruckendes Buch über einen der größten und einflussreichsten Kirchenväter, der die katholische Kirche entschieden mitgeprägt hat. Der Autor Professor Dr. Dr. Klaus Rosen beschreibt das Leben und Wirken anschaulich und man erhält interessante Erkenntnisse über die katholischen Kirche in Nordafrika und Rom, religiöse christliche Gruppen, römische Göttervorstellungen und Manichäer, mit denen sich Augustinus auseinandersetzte. Immer wieder kommt der Bischof selbst zu Wort, wenn aus den großen Werken „Bekenntnisse“, „Gottesstaat“ und anderen zitiert wird und es wird klar, warum Rosen den Untertitel „Genie und Heiliger“ beifügte.
„Nimm und Lies“ - so lautet die Bitte im Umschlagtext, die dem heiligen Augustinus den entscheidenden Anstoß zur großen Wende seines Lebens gab. Auch der Autor wünscht sich für seine Augustinus-Biographie dieses Motto.



Donnerstag, 28. Mai 2015

Rezension - Erica de Bary

Horlemann
Rezension


Erica de Bary                                                                                                         
„Hinter dem Seidenhimmel spannt sich die flockige Nacht wie Zunder“
von Dr. Almut Seiler-Dietrich

Als Erica de Bary 1907 in Berlin-Charlottenburg als Erika Kramer geboren wurde, hatte Deutschland noch für 12 Jahre Kolonien in Afrika und anderswo, Frankreichs Kolonialzeit dauerte in Algerien noch 55 Jahre und in Marokko 50 Jahre und Italiens Kolonialzeit in Libyen noch 44 Jahre an. In diese und andere Länder reisten Erica und Herbert de Bary, 1930 noch während der spanischen Kolonialzeit und 1952 nach Marokko, 1954 nach Algerien. Später wurden sie von Sohn Harald und anderen Reisegefährten begleitet.

"Arabisches Märchen" 
 „Reisen und Schreiben“ gehörte für Erica de Bary, zusammen, seitdem sie zum ersten Mal 1930 nach Spanien zu ihrem Verlobten Herbert de Bary unterwegs war. Ganz luxuriös mit einem „Mercedes-Herrschaftswagen“ und den zukünftigen Schwiegereltern gelangte sie bis nach Tetouan, damals eine spanische Kolonie, heute Nordmarokko.
Für Erika war diese erste Urlaubsreise ein „arabisches Märchen“ und ihre Eindrücke fasste sie im Reisebericht „Spanische Impressionen“ zusammen. Dabei waren ihr die Bevölkerung, die politische Situation der Diktatur, die soziale Realität viel unwichtiger als das, was sie sehen wollte, das „Archaisch-unveränderte“, „urzeitlich“ wirkende Landschaften, maurische Paläste und „Gesichter aus alten arabischen Märchen“ - Klischees, die sogar heute noch in Urlaubsprospekten wirken, wenn „die sinkende Sonne mit ihren letzten Strahlen die afrikanische Erde rot aufleuchten lässt, ehe die Nacht sie in tiefes Dunkel und Schweigen hüllt.“

Reisen und Schreiben
Erica de Barys Leidenschaften waren die Literatur, Schriftstellerei, Kunst und das Reisen, und zwar außerhalb Deutschlands, wie sie freimütig zugibt: „Deutschland war uns unwichtig, Vaterland, Militär, Krieg, das war uns fremd“. Sie konnte es sich leisten die aufkommende Not und den Nationalsozialismus als „kleinbürgerliche und kleinkarierte Deutschtümelei“ zu ignorieren. Allerdings waren diese Ansprüche und die Reisen nur realisierbar, weil Herbert und seine Eltern diese Leidenschaften finanziell unterstützten. 1941 bis 1944 konnte Erica ihrem Mann in das von Deutschland besetzte Frankreich folgen. Er wurde als Adjutant und Dolmetscher nach Paris versetzt und entkam so dem geplanten Russlandfeldzug, auf den seine Einheit vorbereitet wurde. Erica arbeitete für die „Pariser Zeitung“ und lernte Schriftsteller aus verschiedenen afrikanischen Ländern kennen, darunter die späteren Präsidenten von Senegal und Madagaskar, mit denen sie auch nach dem Krieg verbunden blieb und die in ihrem Haus in Frankfurt willkommen waren.

Literaturvermittlerin nach dem Krieg
Zwischen 1949 und 1952 blieb Erica de Bary bei der Familie in Frankfurt und übersetzte in Deutschland unbekannte afrikanische Schriftsteller. Sie wurde eine geschätzte Literaturvermittlerin, die in Zeitungen die deutschen Leser der Nachkriegszeit mit literarischen Skizzen und Geschichten unterhielt. Von ihr übersetzte Theaterstücke wurden bald uraufgeführt.

Leidenschaft Sahara
Während in Europa die meisten Menschen unter den schwierigsten Umständen zu leiden hatten, machten sich Erica und Herbert de Bary bald wieder auf den Weg und reisten.
Am meisten beeindruckt waren sie von der Sahara. Herbert fotografierte die Bilder, die später in den Reisebüchern veröffentlicht wurden. Die libysche Oase Ghadames war ein Traum, der 1957 verwirklicht werden konnte. Es folgten Reisen und Bücher über die südlibysche Oase Ghat, später bis nach Kamerun und immer wieder in das Tassili n’Ajjer auf der algerischen und libyschen Seite zu den bekanntesten Felsmalereien der Sahara. Anfangs waren die Bücher, vor allem „Ghadames, Ghadames“ mehr ein fantasievoller Traum und eiserner Wille die Oase zu erreichen als ein Tatsachenbericht. Die folgenden Reisebücher enthielten Beschreibungen der Menschen und ihrer Tätigkeiten, die sie kennenlernten und durch ihre freundliche Neugier drangen sie tiefer in das Leben der Oasen ein, als heutige Besucher. Ihre Ansprüche waren nicht hoch, sie wollten so einfach wie möglich reisen und dabei möglichst viel sehen, heutigen Backpackern ähnlich. Dabei war es ihnen wichtig, das Ursprüngliche, heute würde man sagen, das Exotische zu finden, das sich allerdings in ihren Augen nicht verändern sollte, so wie es der befreundete Forscher Leo Frobenius in seiner „Kulturgeschichte Afrika“ beschrieb, dessen Verachtung für „zivilisierte, d.h. modern denkende und aufgeklärte Afrikaner“ Erica teilte.  

Ihren Lebensabend verbrachte die Einhundertjährige schreibend in Frankfurt, so lange es ging in der Cretzschmerstraße, später in einem Wohnstift. Kinder und Enkel Erica de Barys leben bis heute in Irland und Frankfurt.


Autorin
Dr. Almut Seiler-Dietrich beschreibt das Leben der Einhundertjährigen mit einfühlsamen Worten und lässt den Leser am Leben der Schriftstellerin teilhaben. Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit der Kindheit und Jugend Erika Kramers, ihrer Eltern und Großeltern bis sie 1931 ihren Heriberto heiratete.
In den zweiten Teil, über die Reisen Erica de Barys vor allem nach Afrika, fließen ihre eigenen Erfahrungen mit ein und dies ist erkennbar an vielen Details über afrikanische Dichter und Schriftsteller, die sie zum Teil selbst als Literaturwissenschaftlerin für afrikanische Literatur kennengelernt hatte.
Almut Seiler-Dietrich schreibt flüssig und gut lesbar, auch mit kritischen Gedanken. Sie hatte Gelegenheit Erica de Bary persönlich kennen zu lernen und dies macht das interessante Buch noch authentischer.

Fazit
Erica de Bary macht den Eindruck eines verzogenen Kindes. Sogar noch als Erwachsene musste ihr Mann Herbert sie oft genug ermahnen, geduldig und ruhig zu sein, wenn sie mit ihren Forderungen ihren Willen durchzusetzen versuchte, anstatt auf die einheimischen Bewohner der Oasen zu hören. Besonders deutlich wird dies in ihrem Buch „Ghadames, Ghadames“.
Ihre Mutter Elisabeth tat für sie alles, um ihr ein angenehmes Leben zu gestalten, auch unter schwierigsten Umständen, später nutzte Erica es eigennützig und rücksichtslos aus, sogar im Alter hat sie ihrer Mutter nicht verziehen, dass diese zu ihrer Schwester zog, die sich besser um die Mutter kümmerte.

Erica de Bary schien immer im Mittelpunkt stehen zu wollen, ob als Kind oder später als Schriftstellerin und Übersetzerin afrikanischer Dichter. Ihr Mann Herbert, der auf fast allen Reisen dabei war und ihr erst dieses weitgehend sorgenfreie Leben ermöglichte, konnte sie kaum bändigen und oft genug setzte sie wohl auch gegen ihn ihren Willen durch. Ihre Kinder vernachlässigte sie, doch sie waren nachsichtig. Ob Erica ihrem Mann wirklich dankbar war oder alles, was ihr an Gutem zuteil wurde als selbstverständlich forderte, ist schwer in diesem Buch zu erkennen. Vielleicht brauchte es dieses Durchsetzungsvermögen und die egoistischen Eigenschaften, um in den Zeiten mit zwei Weltkriegen und vielen politischen und wirtschaftlichen Änderungen zu überleben, besonders als Frau.



Donnerstag, 21. Mai 2015

Rezension Germaine Tillion - Die gestohlene Unschuld

Germaine Tillion
Rezension


Germaine Tillion - Die gestohlene Unschuld         
Hrsg. Mechthild Gilzmer

In diesen Tagen wird viel über das Ende des zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren gesprochen und geschrieben, Überlebende und Prominente reisen zu den Konzentrationslagern. Eines, dieser Lager war das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, rund einhundert Kilometer nördlich von Berlin am Schwedtsee. Hierher wurden von 1939 bis 1945 rund 132000 Frauen und Kinder aus 40 Nationen gebracht, darunter mehrere Tausend Französinnen, die in der „Résistance“ - im Widerstand gegen Deutschland organisiert waren. Germaine Tillion und ihre Mutter Emilie wurden in Paris aufgegriffen  und nacheinander als politische Gefangene nach Ravensbrück gebracht. Während ihre Mutter Emilie (1876-1945), die als Schriftstellerin im Verlag Hachette arbeitete und einige Reiseführer der Guides bleus schrieb, umkam, wurde Germaine im April 1945 befreit.

Herausgeber und Übersetzer
Das vorliegende Buch „Die gestohlene Unschuld - Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie“ wurde von Prof. Mechthild Gilzmer auf Deutsch übersetzt und herausgegeben, die zur Einführung den Essay „Germaine Tillion - ein Jahrhundertleben“ schrieb. Germaine Tillion wurde 101 Jahre alt.
Tzvetan Todorov wählte die zum Teil unveröffentlichten Texte aus und verfasste das ausführliche Nachwort „Germaine Tillion oder die Leidenschaft des Verstehen-Wollens“, in dem er darlegt, wie und warum er die Texte aus dem umfangreichen Nachlass aussuchte.

Das Buch
Das Buch ist in fünf große Kapitel eingeteilt und Phasen, die das Leben von Germaine Tillion besonders prägten. Jedes dieser Kapitel beginnt mit einem Bild der Ethnologin und einer biographischen Einleitung. Es folgen persönliche Texte, die in Ich-Form erzählt werden.

Als Ethnologin in Algerien
Von 1934 bis 1940 verbringt Germaine Tillion mehrere Jahre in Algerien, damals noch französische Kolonie, und studiert das Leben der Chaoui-Berber im Aurès-Gebirge im Osten des Landes. Sie lebte als beobachtende Wissenschaftlerin mit den Familien. Nachdem diese Vertrauen zu ihr fassten, wurde sie um Rat gebeten und bei Streitigkeiten als Schlichterin hinzugerufen.

Widerstand in Paris und Gefangennahme (1940 - 1943)
Nach ihrer Rückkehr in das besetzte Paris im Jahr 1940 war Germaine Tillion überrascht von der Situation vor Ort. Wegen ihrer Arbeiten und der Entfernungen im Aurès hatte sie keine Muße etliche Kilometer bis zu einem Radio durch die raue Bergwelt zu wandern und so war der Schock groß.
Zwischen 1940 und 1943 organisierte sie, wie im zweiten Kapitel beschrieben, ohne lange zu überlegen den Widerstand. Eine andere Lösung kam für sie nicht in Frage. Sie und ihre Kollegen bildeten die „Widerstandsgruppe des Musée de L’Homme“ in Paris, um Kriegsgefangenen zur Flucht zu verhelfen und Informationen in die befreiten Zonen nach England zu senden, bis sie selbst Opfer eines Verrats wurde. Zuerst war Germaine Tillion im Gefängnis, wo sie sogar ihre Schreibarbeiten aufnehmen und ihre Dissertation fast beenden konnte.

Leben und Sterben im KZ-Ravensbrück
Im dritten Kapitel schildert Germaine Tillion das Leben und Sterben im KZ-Ravensbrück, wohin sie und später ihre Mutter deportiert wurden. Sie beschreibt ihre Ankunft, die Einteilung in Gruppen und das Tragen von Lumpen mit roten (politische Gefangene), grünen (Kriminelle), violetten (Zeugen Jehovas) und schwarzen Dreiecken für „Asoziale“ und weitere Erinnerungen aus dem „kleinen Krankenzimmer der Diphterie-Patientinnen“, da sie selbst daran erkrankt war und die sie als „allererste Erfahrungen“ hervorhebt. Sie schreibt, dass in diesem Krankenzimmer ein Jahr später „dutzendweise Kranke vorsätzlich vergiftet“, in den Jahren vorher „tödliche Spritzen mit Öl oder Evipan“ verabreicht, andere „vor den Augen ihrer Gefährtinnen im Nachthemd aus dem Bett gezogen und auf die andere Seite der Mauer geschleift wurden, wo sich die Krematorien befanden“. Sie hebt aber auch die Solidarität unter den Frauen hervor. Sie selbst gehörte zur Gruppe der „Verfügbaren“, wurde zu Erdarbeiten eingeteilt und verstand es sich zu verstecken. Die „Nacht-und-Nebel“-Häftlinge, zu denen Germain Tillion gehörte, wurden nach Verhandlungen vom schwedischen Roten Kreuz am 23. April 1945 befreit. Dazu schreibt sie: „Dass ich überlebt habe, verdanke ich ganz gewiss vor allem dem Zufall, sodann der Wut, dem Wunsch, die Verbrechen ans Licht zu bringen und nicht zuletzt der Solidarität meiner Freunde“.

Nach dem Krieg
Die Verbrechen ans Licht zu bringen, dafür setzte sich Germaine Tillion nach ihrer Befreiung vor allem ein, zuerst bei Gerichtsprozessen gegen das Wachpersonal in Ravensbrück, später in Algerien, während des Befreiungskrieges der Algerier gegen die französische Kolonialmacht, der gerade begonnen hatte. Sie beschreibt die Abläufe der Prozesse, an denen sie als Beobachterin teilnahm und die Aufseher wiedersah. Dabei empfand sie ein „dumpfes Gefühl“ und fragte sich, ob es Hass oder auch eine Spur Mitleid war.

Wieder in Algerien
Im letzten Kapitel versuchte Germaine Tillion während ihrer Algerienaufenthalte zwischen 1954 und 1957 beide Seiten davon zu überzeugen, dass Folter und Hinrichtungen nur Bombenattentate als Reaktion darauf nach sich ziehen würden. Die ihr damals unbekannten Kämpfer der Befreiungsfront FLN gingen auf ihren Vorschlag ein, die Attentate einzustellen, aber auf der französischen Seite gingen die Folter und Hinrichtungen weiter.  

Ein Jahrhundertleben
In den einhundert Lebensjahren der Forscherin Germaine Tillion passieren zwei Weltkriege und der Unabhängigkeitskrieg Algeriens. Sie erleidet den zweiten Weltkrieg als KZ-Häftling und hat danach noch die Stärke, sich für die Algerier und gegen ihre Verelendung einzusetzen. Im Konzentrationslager überlebt sie so gut es geht und kann ihre schlimme Situation sogar noch in eine Operette verpacken, die 2007 uraufgeführt wird. Sie schreibt mehrere Bücher, hält Vorträge und engagiert sich für Abschaffung der Folter in Algerien und 2004 im Irak, und setzt sich für die Emanzipation der Frauen im Mittelmeerraum ein.


Fazit:
Ein sehr beeindruckendes und bewegendes Buch, das zum Nachdenken anregt. Der Herausgeber Tzvetan Todorov hat die Schriften sortiert und unveröffentlichte Texte so zusammengestellt, dass man die „Fragmente des Lebens“, wie der Titel des französischen Originals lautet, gut lesen kann. Im Anhang werden hauptsächlich die Personen beschrieben, mit denen Germaine Tillion zu tun hatte. 
Sicherlich haben nur wenige Menschen in ihrem Leben diese extremsten Erfahrungen erlitten und sind nicht daran zerbrochen,  sondern haben den Mut aufgebracht und sich weiter für andere Menschen eingesetzt. Sehr empfehlenswert, gerade in der heutigen Zeit.


Termine zum Gedenken an Germaine Tillion
Ganz zu Recht werden die sterblichen Überreste Germaine Tillions am kommenden Mittwoch, 
den 27. Mai 2015 in das Panthéon in Paris zu den „Großen Persönlichkeiten der Nation“ überführt, der 2013 als "Journée nationale de la Résistance", als in Frankreich landesweiter staatlicher Gedenktag, festgelegt wurde.


Am Dienstag, 6. Oktober 2015  findet in Berlin eine Veranstaltung statt, bei der Prof. Dr. Mechthild Gilzmer das Buch „D’une Algérie à l’autre“ von Germaine Tillion vorstellt.
Ort: Stiftung Topographie des Terrors Berlin, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin. 18 Uhr


NEUERSCHEINUNG Germaine Tillion - Die gestohlene Unschuld

Germaine Tillion
GERMAINE  TILLION

DIE  GESTOHLENE  UNSCHULD 
Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie

Germaine Tillion (1907–2008) ist eine der bedeutendsten intellektuellen Persönlichkeiten Frankreichs, die maßgeblich an zentralen Ereignissen der deutsch-französischen und der franko-algerischen Geschichte im 20. Jahrhundert beteiligt war. Höhepunkt ihrer Ehrungen wird ihre Überführung am 27. Mai 2015 ins Panthéon sein, dem Tempel für die »Großen der Nation«.

»Die gestohlene Unschuld« versammelt erstmals zentrale Texte von Germaine Tillion, die aus den verschiedenen Phasen ihres Lebens stammen: über ihre Arbeit als Ethnologin in Algerien zwischen 1934 und 1940, über Widerstand, Gefängnisaufenthalt und Deportation, über ihr Engagement in Frankreich nach 1945, über ihre Rückkehr nach Algerien in den 1950er Jahren. (Verlagstext)

Übersetzt, herausgegeben und mit einem einführenden Essay von Mechthild Gilzmer
Ausgewählt und mit einem Nachwort von Tzvetan Todorov


Germain Tillion
Die gestohlene Unschuld
Hardcover mit schwarz-weiß-Bildern
336 Seiten
1. Auflage 2015
Euro 22,00  Buch kaufen