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Donnerstag, 27. Mai 2021

Rezension: Wir Gotteskinder

Penguin
WIR  GOTTESKINDER

NANA  OFORIATTA  AYIM 
Roman

Maya wünscht sich das Glück, „die Wahrheit durch Worte auf einer Buchseite zu finden“. Sie fragt sich, „warum wir an der Vergangenheit festhalten, warum wir Museen bauen, Bücher schreiben und konservieren?“

Maya wächst in Deutschland und England auf. Ihre Mutter ist Prinzessin Yaa des ghanaischen Königshauses, ihr Vater ist Arzt. In Deutschland geht Maya in den Kindergarten, in England zur Schule und wenn sie ungezogen  ist, droht ihr Vater sie nach Ghana zu schicken, in das Dorf aus dem die Eltern weggegangen sind. Sehnsüchtig warten sie auf eine politische Wendung nach dem Abzug der Kolonialherren.
Die Elterngeneration wurde nach Europa oder Amerika geschickt, um zu studieren und um dann das Land neu aufzubauen, aber der Vater hatte seine Zweifel und so blieb die Familie in Europa.

Eines Tages kommt Mayas Cousin Kojo aus Ghana in die Familie und er geht mit Maya zur Schule. Gleich am ersten Tag  gibt er einem Mitschüler eine Ohrfeige und wehrt sich gegen den „allgemeinen“ Rassismus, während Maya ihn eher hinunterschluckt. Kojo erzählt Maya allerlei Geschichten über ihr Heimatland, das sie kaum kennt und die beiden Kinder treiben einigen Schabernack.
Nach einem heftigen Streit zieht Mayas Vater aus und Kojo, Maya und ihre Mutter gehen nach England. Die Mutter arbeitet in einem Labor, die Jugendlichen gehen in ein Internat. Als die Mutter eine neue Aufgabe übernimmt, reist sie nach Ghana ab. Kojo und Maya kehren nach Deutschland zurück zu Mayas Vater.

Während all dieser Jahre beschäftigen sich Maya und Kojo mit einem „Buch der Geschichten“ ihrer Vorfahren und des Landes. Sie wollen die Geschichte korrigieren und weiterschreiben. Dazu wollen sie in England herausfinden, wie die Engländer es schafften, Ghana als Kolonialisten zu beherrschen, damit die neue Generation junger, gut ausgebildeter bzw. studierter Ghanaer nicht die Fehler ihrer Großväter, Väter und Mütter wiederholen. Kojo bittet Maya die wahre Geschichte weiterzuschreiben, denn sie ist die „Auserwählte“, die Wissen hat von früheren Epochen und „sieht, was andere nicht sehen“. Sie ist das Gotteskind.

Die jungen Ghanaer, die Eltern von Maya und deren Freunde und Verwandte leben in Bonn und London und so pendelt die Familie hin- und her, bis Mayas Mutter endgültig nach Accra zurückkehrt. Kojo folgt bald und Maya beginnt ein Studium.

Das Buch-Projekt nimmt Gestalt an, allerdings als „mythische Geschichte von einem Königreich, einer Nation, die sich reibungslos bildete trotz aller Widerstände, und der eine glorreiche und weltbeherrschende Zukunft vorausgesagt wurde“. 
Maya beschreibt u.a. die wichtigen königlichen Objekte, die „geraubt, verkauft oder verschwunden“ waren, für die nun ein Museum gebaut wird. Zu dem Eröffnungsfestival, werden „alle Führer der Welt“ eingeladen und auch die nächste Wahl steht bevor, bei der Kojo kandidiert.

Maya fliegt nach Accra mit einem Weihnachtsbaum für ihre Mutter im Gepäck. Während eines Festes trifft Maya viele Mitglieder ihrer königlichen Familie, die sie nur als Kind gesehen hat.  Kojo kümmert sich um das entstehende Museum und um die Objekte, deren Geschichte Maya aufschreibt. Nach einem Streit mit Gideon, einem falschen Freund, über den sich Kojo furchtbar aufregt, kommt es zu einem schrecklichen Unglück...

Fazit:
Schon als Kind erfährt die Autorin Ablehnung durch eine Mitschülerin, weil sie erzählt, dass sie die Enkelin des Königs ist und diese ihr nicht glauben will. Eine schwarze Prinzessin, das gibt es doch gar nicht, in Kinderaugen.

Ihre Mutter will den täglichen Rassismus nicht sehen und übergeht ihn durch lautes Auftreten und offensichtlichem Herrschaftsanspruch, in dem sie ihre Einkäufe übertrieben opulent betreibt und den Verkäufern direkt ins Gesicht sagt, dass sie eine Königstochter aus Ghana ist und damit die Verkäufer zu „Boten“ degradiert.

Immer wieder, allerdings mehr zum Ende des Buches, nimmt die Autorin indirekt ein ganz aktuelles Thema auf, die Rückgabe von Museumsstücken, die in ein neu gebautes Museum nach Accra zurückgeführt werden sollen. Auch als sie eine Ausstellung in London vorbereitet, fällt sie dem Rassismus zum Opfer, fast so wie ihr Cousin, denn derselbe, der sich in Ghana eingemischt hat, nimmt ihr nun rücksichtslos die Organisation der Ausstellung aus der Hand mit der Begründung, dass sie dadurch mehr Zeit zum Schreiben hat.

Nana Oforiatta Ayim verpackt den Roman in eine temperamentvolle Schreibweise, die manchmal ein zweites Lesen erfordert. Doch das Buch ist gut zu lesen und zu verstehen. Der Inhalt ist sehr interessant und aktuell.

Ein lesenswertes Buch und sehr zu empfehlen. Es zeigt, wie Weiße bis heute versuchen (Kolonial)-Geschichte nur nach ihrer Vorstellung zu akzeptieren und selbst die Organisation einer Ausstellung kann man Schwarzen nicht überlassen. Sie könnten ja die Wahrheit über die Kolonialmächte zeigen oder ein anderes Bild der ghanaischen Gesellschaft !!!

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Dienstag, 11. Mai 2021

Neuerscheinung: Wir Gotteskinder, Roman aus Ghana

Penguin
NEU

NANA OFORIATTA AYIM

WIR  GOTTESKINDER 
Roman

Brillanter Roman über das Leben zwischen Afrika und Europa und die identitätsstiftende Kraft des Geschichtenerzählens
Vom ghanaischen Königshaus in die deutsche Provinz – eine etwas andere Migrationsgeschichte
Inspiriert von der schillernden Familien- und Lebensgeschichte der Autorin

Maya Mensah ist im deutschen Exil täglich damit konfrontiert, anders zu sein. Auch ihre Eltern sind anders. Ihr Vater ist ein scheuer Intellektueller, und ihre schöne Mutter liebt es, das Geld mit vollen Händen auszugeben und an ihre königliche Abkunft zu erinnern. Doch wenn Maya in der Schule von ihrer glanzvollen Familie erzählt, wird sie verspottet. Beistand leistet ihr einzig ihr Cousin Kojo. Maya ist fasziniert von seinen farbenprächtigen Erzählungen aus Ghana, an das sie sich kaum erinnern kann. Sie klingen für sie wie Märchen, die mythisch und wirklich zugleich scheinen, und öffnen ihr den Blick: für ein Land, das seine Seele nach all den Jahren der Kolonialzeit erst wiederfinden muss, für ihre entwurzelten Eltern — und endlich erkennt sich Maya als Teil dieser Geschichte.

Poetisch, fesselnd, faszinierend — » Wir Gotteskinder« ist wahre Weltliteratur und eine Hymne an das Geschichtenerzählen als verbindendes Glied zwischen den Kulturen.

Autorin:
Nana Oforiatta Ayim ist Autorin, Filmemacherin und Kunsthistorikerin. Sie ist in Düsseldorf geboren und aufgewachsen. Ihr Großvater ist König der ghanaischen Region Akyem Abuakwa. Sie studierte Afrikanische Kunstgeschichte und Politikwissenschaften, arbeitete für die UN in New York und ist heute weltweit v.a. als Kunstvermittlerin und Kuratorin tätig. Als Gründerin des ANO Institute of Arts and Knowledge hat sie Projekte wie »Das mobile Museum« sowie die erste Enzyklopädie der afrikanischen Kultur angestoßen. Nana Oforiatta Ayim kuratiert weltweit Ausstellungen und hält Vorträge über kulturelle Narrative. 2019 verantwortete sie den ersten ghanaischen Pavillon auf der Biennale von Venedig.

Für ihre bisherigen Leistungen wurde sie mit verschiedensten Ehrungen und Auszeichnungen bedacht. »Okay Africa« zählt sie zu den »12 wichtigsten Frauen aus Afrika, die Geschichte schreiben«. Sie gehört auch zu den »Apollo 40 unter 40« und damit zu »den talentiertesten und inspirierendsten jungen Personen, die die Kunstwelt heute voran-bringen«. 2015 erhielt sie den »Art & Technology Award« des Los Angeles County Museum of Art (LACMA); 2016 den »AIR Award«, mit dem »außergewöhnliche afrikanische Künstler geehrt und gefeiert werden sollen, die sich für provokative, innovative und sozial engagierte Arbeit einsetzen«. Nana Oforiatta Ayim war 2018 Teilnehmerin des ersten Soros Arts Fellowship und ebenfalls 2018 Global South Visiting Fellow an der Universität Oxford. Sie wurde in den Beirat des Kulturprogramms der Universität Oxford und ab April 2020 als Untersuchungsleitung der »Aktion zur Wiederherstellung Afrikanischer Kultur« berufen.

»Wir Gotteskinder« ist Nana Oforiatta Ayims hochgelobter Debütroman, der nun auf Deutsch erscheint. Sie lebt in Accra/Ghana.    Originaltitel The Godchild, Verlag Bloomsbury, London 2019

Übersetzung von Reinhild Böhnke

Nana Oforiatta Ayims
Wir Gotteskinder
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
Format 13,5 x 21,5 cm
272 Seiten   
1.Auflage 13. April 2021
nur Euro 22,- inkl. MwSt.   jetzt kaufen

 

Neuerscheinung: Die Hofgärtnerin - Frühlingsträume, Roman

 
Penguin
Neuerscheinung

RENA  ROSENTHAL

DIE  HOFGÄRTNERIN − Frühlingsträume
Roman

Blumen sind ihre Leidenschaft. Liebe ist ihr Schicksal. Wird sie es schaffen, ihren großen Traum zu leben? Die große neue Familiensaga – so wundervoll wie frischer Flieder!

Oldenburg, 1891. Als Gärtnerin in der Natur zu arbeiten und die schönsten Blumen dieser Welt zu züchten, davon träumt Marleene schon ihr ganzes Leben. Doch ihr Wunsch scheint unerreichbar, denn eine Gärtnerlehre ist allein Männern vorbehalten. Aber Marleene gibt nicht auf: Kurzerhand schneidet sie sich die Haare ab und verkleidet sich als Junge – und bekommt eine Anstellung in der angesehenen Hofgärtnerei. Marleene ist überglücklich! Doch die anderen Arbeiter machen ihr den Einstieg alles andere als leicht, und es wird zunehmend komplizierter, ihre Tarnung aufrechtzuerhalten. Als sie dann auch noch die beiden charmanten Söhne der Hofgärtnerei kennenlernt, werden ihre Gefühle vollends durcheinandergewirbelt. Marleene muss sich entscheiden – folgt sie ihrem Traum oder ihrem Herzen …

Der Auftakt der großen Familiensaga in hochwertig veredelter, liebevoller Ausstattung!

Autorin:
Rena Rosenthal hat schon als Kind jede freie Minute in der Baumschule ihrer Eltern verbracht. Dort wird unter anderem eine der größten Fliedersammlungen Deutschlands, die Kircher Collection®, kultiviert. Die Baumschule in einem kleinen Örtchen in der Nähe von Oldenburg wird heute von ihrer Schwester geführt.
Obwohl Rena Rosenthal – im Gegensatz zum Rest ihrer Familie – nicht den Beruf der Gärtnerin ergriffen hat, ist ihre Liebe zu Blumen geblieben. Daher war schnell klar, dass ihre erste Familiensaga von duftenden Fliederbäumen und prächtigen Rhododendren handeln soll. Rena Rosenthal lebt heute mit ihrer Familie in Köln.

Rena Rosenthal
Die Hofgärtnerei
Taschenbuch, Klappenbroschur
ORIGINALAUSGABE
Format: 12,5 x 18,7 cm
688 Seiten   
1.Auflage 22. März 2021
nur Euro 11,- inkl. MwSt.   jetzt kaufen

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Freitag, 4. Dezember 2020

Rezension: Die Geschichte einer afrikanischen Farm, Olive Schreiner

Manesse
Rezension
Die Geschichte einer afrikanischen Farm         

Olive Schreiner

Eine Farm in der südafrikanischen Karoo. In der Zeit, in der dieser Roman spielt, leben die Menschen noch nicht so eng beieinander wie heute. Die Farm auf der Kopje wird von Tant’Sannie, der Burenfrau mit ihren afrikanischen Dienstboten bewirtschaftet. Außerdem helfen der deutsche Aufseher Otto und sein Sohn Waldo bei der Schafzucht  mit. Die beiden Kusinen Em und Lyndall sind noch minderjährig und Em wird die Farm erben, wenn sie volljährig ist.

Die Natur mit stürmischen Unwettern, die strahlende und brennende Sonne, der weite Himmel, die klaren Sternennächte werden immer wieder beschrieben, auch um die Stimmung und Gedanken der Menschen zu verdeutlichen.

Alle Bewohner sind gottesfürchtige und abergläubische Menschen, dieser Faden zieht sich durch das ganze Buch. Diese Gottergebenheit geht sogar so weit, dass Tant’Sannie klagt: „…Ich weiß wirklich nicht, weshalb man neuerdings Soda in den Topf tun soll. Wenn unser himmlischer Vater gewollt hätte, dass wir Soda unter die Seife mischen, hätte er doch keine Milchbüsche erschaffen und sie so fett wie Lämmer zur Lammungszeit überall auf dem Veld verteilt!“

In den folgenden Jahren findet sich Em mit ihrem Leben auf der Farm ab, die ihr bald gehört. Lyndall reicht das nicht. Sie ist rebellisch und geht fort, zuerst in ein Internat, später in andere Städte. Sie trifft einen Mann, den sie zwar nicht heiratet, aber ein Kind von ihm erwartet, was zu dieser Zeit natürlich eine Schande ist.

Auch Waldo verlässt die Farm, um später zurückzukehren. Sie Vater ist inzwischen gestorben, in den Tod getrieben von einem Hochstapler, der sich Bonaparte nennt und Tant’Sannie gegen den Deutschen aufhetzt. Allerdings wird auch Bonaparte die Farm nicht bekommen.

Waldo mag Em, aber er bewundert Lyndall, die so ganz anders ist als er. In Waldo findet Lyndall einen geduldigen Zuhörer ihrer Pläne und modernen emanzipatorischen Ansichten. Die Figur der Lyndall spiegelt auch die realen Gedanken der Autorin wieder, die sich in Südafrika für Gleichberechtigung einsetzt.

Als der Engländer Gregory Rose Em einen Antrag macht, zögert sie, denn sie ahnt, was kommen wird…

Fazit:
Olive Schreiner beschreibt die typische Landschaft der steppenartigen, weitläufigen Karoo und die Stimmungen der Bewohner, ihre Konflikte und ihren Alltag auf einer afrikansichen Farm im späten 19. Jahrhundert eindrucksvoll. 
Doris Lessing, eine ebenso bekannte Schriftstellerin, schildert das Leben von Olive Schreiner, der frühen Feministin und Menschenrechtlerin im Nachwort zu einer Neuauflage von 1968.

Zum 100. Todestag der Autorin am 11. Dezember 2020 wurde der Roman vom Manesse Verlag (Manesse Bibliothek) neu aufgelegt.

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Donnerstag, 29. Oktober 2020

Rezension: Eine fremde Tochter

Orlanda
Eine fremde Tochter           

 
Najat el Hachmi
 
Sie ist eine von vielen jungen Marokkanerinnen, die in Spanien leben. Mit ihrem Vornamen wird die Ich-Erzählerin in Dialogen nicht gerufen - eine unbekannte Marokkanerin in Europa also. Sie steht für viele Frauenschicksale, egal ob sie aus Marokko, ganz Nordafrika oder dem arabischen Raum stammen, alle könnten dasselbe erlebt haben wie die Protagonistin.
 
Ihr Vater gehört zu den frühen Marokkanern, die in  Spanien eine Arbeit gefunden haben. Nachdem die Unterstützung für die Familie im marokkanischen Rifgebirge ausbleibt, machen sich Frau und Tochter auf den Weg, um ihren Mann und Vater zu suchen. Als sie ihn gefunden haben, müssen sie erkennen, dass er eine andere Familie hat. Die Ehefrau wird mit dem Spruch abgewiesen, dass er sie nicht gebeten habe zu kommen.
 
Doch Mutter und Tochter bleiben in Katalonien und nehmen ihr Leben selbst in die Hand. Die Tochter steht ihrer Mutter bei und hilft ihr so gut sie kann. Daneben gibt es noch die Marokkanerinnen, die ebenfalls in Spanien leben und die Familie der Mutter in Marokko, die sich über den Besuch freut.
 
Die Tochter geht zur Schule, lernt nicht nur die katalanische und spanische Sprache, sondern auch die europäische Literatur und Kultur. Sie steht sogar einmal im Rampenlicht der Stadt.
So wächst die Tochter zur Erwachsenen heran, hört von den Traditionen, die ihr die Mutter und deren Freundinnen versuchen näher zu bringen, lernt auch die Sprache der Mutter, aber nie so ganz. Sie lebt im Spanien von heute. Bei den Besuchen in Marokko kommen ihr Kindheitserinnerungen in den Sinn. Aber so ganz kommt sie nicht in Marokko an und will es auch nicht.
 
Nun ist die Tochter volljährig, sie will die Mutter verlassen, sich aus der Umklammerung lösen, aber sie bringt es vorerst nicht über ihr Herz, die Mutter allein zu lassen. Immer mehr stellt sie ihre eigenen Ziele (Studium, eigene Wohnung, etc.) zurück. Sie gibt sogar nach, als ihre Mutter, die keine Rücksicht nimmt, aber sehr auf den guten Ruf der Familie bedacht ist, die Ehe mit dem Sohn ihres Bruders, also ihren Cousin, arrangiert. Da es der Cousin ist, soll sie doch froh sein, dass die Hochzeit „in der Familie“ bleibt und sie keinen Fremden heiratet, obwohl sie ihn seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hat.
 
Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf, einen Weg, den sich die Tochter nicht gewünscht hat, aber aus Liebe zur Mutter geht.
Mutter und Tochter arbeiten noch mehr, damit sie das Geld für die Hochzeit und die Überfahrt für den zukünftigen Cousin-Ehemann aufbringen können, damit er nach Spanien kommt.
 
Innerlich rebelliert die Tochter gegen ihre eigenen Entscheidungen und dies geht so weit, dass sie eines Tages zusammenbricht.
 
Fazit:
Najat el Hachmi greift ein Thema auf, das viele Frauen (nicht nur Migrantinnen) betrifft. Um dem Ruf der Familie nicht zu schaden, nimmt die Tochter zu viel auf sich und kommt aus der Abstiegsspirale nicht mehr heraus.
Ich möchte einen Gedanken zitieren, den die Autorin am Ende des Buches zu Recht formuliert, einen Vorwurf, den sich die europäische Gesellschaft gefallen lassen muss. „Alle Prophezeiungen haben sich erfüllt, die über mir dräuten, wie über allen Töchtern der Marokkanerinnen hier: Es lohnt sich eigentlich nicht, sie zur Schule zu schicken, hörte ich einmal jemanden sagen: Sobald sie ein bisschen älter sind, werden sie in ihrem Land verheiratet, und zack Kopftuch, Hausfrau, Kinder kriegen. Aber die Leute, die so reden, denken nie an unsere Einsamkeit und bieten uns keine Alternative; wenn wir gegen unsere Familien aufbegehren, stellen sie uns keinen Ort zur Verfügung, an dem wir Zuflucht finden könnten. Lasst euch nicht gängeln, rebelliert gegen die altmodischen und primitiven Traditionen eures Volks, entflieht der Diskriminierung und dem Sexismus. Aber wenn wir die Brücke überqueren, was erwartet uns auf der anderen Seite? Eine tröstende Umarmung und Hilfe, die wir bräuchten? Oder nicht vielmehr eine eisige Gleichgültigkeit, ein „Sieh zu, wie du zurechtkommst, hier gibt es nichts geschenkt? Und habt ihr je darüber nachgedacht, wer diejenigen sind, die nicht über die Brücke kommen? Versteht ihr nicht, dass man die Schwächsten nicht im Stich lassen darf, jene, die weder das Wissen haben noch die Möglichkeit, frei entscheiden zu können, wie sie leben wollen ? …“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Ein aufwühlendes Buch, sehr gut geschrieben, absolut empfehlenswert.



Dienstag, 27. Oktober 2020

Rezension: Dezemberkids, Roman von Kaouther Adimi

Lenos
  Rezension

 DEZEMBERKIDS

 Kaouther Adimi

  Und wieder hat Kaouther Adimi einen brillanten Roman veröffentlicht,   der die algerische Gesellschaft von heute treffend beschreibt.


 Das vierte Buch führt den Leser nach Algier, der Hauptstadt des     größten  Landes in Afrika. Sie hat zwar nicht so viele Einwohner wie   Kairo oder Lagos, aber der tägliche Verkehr und die Wohnungsnot   nerven die Leute genauso wie in den anderen Metropolen. Von daher   weichen die Leute, die es sich leisten können, an die Ränder östlich und   westlich von Algier aus, im Idealfall mit Meerblick oder gleich nach   Europa.

In Dély-Ibrahim, einem Vorort im Westen, leben die Familien der ehemaligen Armeeangehörigen in der Cité 11. Dezember 1960, die ab 1987 gebaut wurde. Der Roman dreht sich um Kinder, Jugendliche, ihre Familien und einen, etwa eineinhalb Hektar großen Platz, der brach liegt und nach jedem starken Regen von Schlamm bedeckt ist und den die Kinder zum Fußballspielen hergerichtet haben. Seit Jahren kümmert sich niemand um den Platz, die Straßen herum sind immer noch nicht asphaltiert. Auch die drei zehnjährigen Kinder, Ines, Mahdi und Dschamil treffen sich regelmäßig, um hier Fußball zu spielen, wobei Ines mächtig stolz ist, dass sie mit den Jungs so gut mithalten kann. Sie ist die Enkelin von Adila.

Eines schönen Tages, es regnet in Strömen, Jussef und seine Freunde rauchen am Platzrand, hält eine schwarze Limousine direkt am Platz. Der Chauffeur reißt die Tür auf und hält einen Regenschirm über die beiden Männer, die aussteigen. Sie tragen dunkle Anzüge, darüber Wollmäntel und -Sonnenbrillen. Es können nur Generäle sein. Sie gehen auf den Platz und schauen sich um. Da kommt Adila, die Freiheitskämpferin auf sie zu, grüßt und fragt, was sie hier wollen? Die beiden reden von Bauarbeiten, die bald anfangen werden, weil ihnen jetzt der Platz gehört, behaupten sie, doch jeder weiß, dass sie sich den Platz unter den Nagel gerissen haben, und freuen sich auf eine gute Nachbarschaft. Doch mit der Reaktion haben sie nicht gerechnet.

Just in dem Moment, in dem sie die Baupläne aus der Tasche ziehen, hören sie ein lautes Kreischen. Die alte Rothaarige, ein bisschen verrückt soll sie sein, schreit wütend: „Man will euch hier nicht. Man will euch hier nicht.“ Adila zieht sie zur Seite und sie kommen auf Jussef zu, der die Alte reden hört: „Sie nehmen ihn euch weg, alles nehmen sie euch weg!...“  Die Jugendlichen gehen auf die Generäle zu und schimpfen auf sie ein. Es kommt zu einem Handgemenge und Jussef gelingt es dabei die Waffe des einen Generals aus der Hand zu schlagen. Sogar Adila schlägt mit ihrem Stock zu. Die pensionierten Obersten Mohamed und Sherif beobachten zuerst die Szene aus sicherer Entfernung, doch dann laufen sie auch auf den Platz. Der Chauffeur kauert ängstlich hinter dem Lenkrad und ruft die Polizei, die den Tumult auflöst. Jussef, sein Vater Mohamed und Adila werden abgeführt und zum Verhör gebracht.

Die Aufregung ist groß. Schnell spricht sich herum, was auf dem brachliegenden Bolzplatz passiert ist und sehr schnell verbreitet sich die Geschichte über zwei verprügelte Generäle in den sozialen Medien, zu schnell für manche. Die Zeitungen schreiben darüber, die Leute lachen und freuen sich über den Mut der Jugendlichen.


Auf Ines, Mahdi und Dschamil hat keiner mehr geachtet. Sie haben sich die Geschichte von den Jugendlichen erzählen lassen und gut zugehört. Sie schmieden ihre eigenen Pläne. Sie lassen sich Zeit mit den Vorbereitungen und dann im März, an einem Freitag, geht es los.

Die Autorin beobachtet genau, wie ihre Landsleute kennt sie natürlich die Machenschaften der Oberen. Wie sie selbst sagt, ist Fußball nicht nur das Spiel sondern auch eine Möglichkeit der Gesellschaft sich zu äußern, sei es mit Gesängen, sei es mit Schlachtrufen, die versteckt die Regierung treffen sollen.


Die Romanfiguren symbolisieren die algerische Gesellschaft: Adila, die Freiheitskämpferin steht für die erste Generation. Sie hat die Franzosen aus dem Land vertrieben, hat Bomben in Cafés versteckt. Jasmin, ihre Tochter steht für die Frauen des Landes, die zusehen muss, wie ihre Rechte immer mehr beschnitten werden. Mohamed und Sherif waren Obersten während des „schwarzen Jahrzehnts“ und mussten dem Erstarken der Islamisten zusehen, wobei Mohamed vom Glauben abfiel, was er natürlich niemandem erzählte. Die Generäle stehen für die übermächtige Armee bzw. die Mächtigen des Landes, die sich alles erlauben können und die Diktatur der Politiker überwachen. Jussef und seine Freunde sind die jetzige Generation, die die Kriege nicht mehr erlebt haben. Sie haben ganz andere Sorgen. Sie sind gut vernetzt, wissen was in der Welt passiert, sind im Internet aktiv. Sie ducken sich nicht vor den „Mächtigen“, weil sie ihnen nichts „verdanken“ müssen, außer der Misere des Landes. Mit den Kindern, die im Buch den Höhepunkt herbeiführen, bilden sie die Zukunft. Die junge Generation, die seit Februar 2019 auf die Straße geht und einen friedlichen Übergang zur wirklichen Demokratie fordert, wird bereits im Buch mit Jussef und seinen Freunden angedeutet, womit die Autorin den aktuellen Hirak, die Bewegung, vorausgesehen hat. Sie hat eine Auseinandersetzung zwischen jungen Leuten  und Generälen zum Anlass für diesen Roman genommen, die tatsächlich 2016 stattgefunden hat.

Auch das Nachwort der Übersetzerin Regina Keil-Sagawe soll erwähnt werden. Seit Jahren  bringt sie uns die Schriftsteller Nordafrikas näher. Sie übersetzt nicht nur aus dem Französischen, ebenso kennt sie die Situation in den Ländern des Maghreb.

Fazit:
Mit ihrer heiteren, bisweilen witzigen und ironischen Art beschreibt Kaouther Adimi treffsicher die Art und Weise, wie sich die algerische Regierung verhält, die Angst vor der neuen Situation hat, die sie nicht mehr beherrscht, was sie aber nicht einsehen will. Sie spannt mit ihren Figuren einen Bogen von der Geschichte (Adila) bis zur Gegenwart (Jussef und die Kinder) und bringt wie immer die Tatsachen genial auf den Punkt.

Ein absolut lesenswerter amüsanter Roman, der eine Auszeichnung verdient.


Dienstag, 13. Oktober 2020

NEU, Mist, die versteht mich ja ! Roman

Orlanda
FLORENCE  BROKOWSKI-SHEKETE
 
MIST,  DIE  VERSTEHT  MICH  JA!
Aus dem Leben einer Schwarzen Deutschen
Roman
 
Die kleine Florence, geboren in Hamburg als Kind nigerianischer Eltern, wird Ende der 60er-Jahre in Buxtehude von einer alleinstehenden Frau in Pflege genommen. Mit neun Jahren nehmen die Eltern sie mit nach Lagos, in ein Land, dessen Sprache sie nicht spricht, dessen Kultur ihr fremd ist, zu einer Familie, die sie nicht kennt. Durch das beherzte Eingreifen einer Lehrerin schafft sie es zurück nach Deutschland und macht dort ihren Weg …
 
In ihrer Autobiografie beschreibt die Autorin mit einer guten Prise Humor die Erlebnisse einer Schwarzen Frau in einer weißen Gesellschaft, den schmalen Grat zwischen witzigen Anekdoten und unschönem Alltagsrassismus, zwischen der Herausforderung, Brücken zu bauen, und der Grenzen zu setzen, zwischen Integration und Identitätsfindung, zwischen Beruf und dem Muttersein als Alleinerziehende – kurz: die Lebensgeschichte einer beeindruckenden Frau.
 
 „Ein Mensch mit einer anderen Hautfarbe muss einfach woanders herkommen, die Sprache nicht verstehen und auch sonst kulturell anders gestrickt sein. Anders kann es einfach nicht sein, sonst würde das Weltbild einiger erschüttert.“
 
Autorin:
Florence Brokowski-Shekete ist Schulamtsdirektorin in Baden-Württemberg, als erste Schwarze in Deutschland. Sie ist Gründerin der Agentur FBS intercultural communication, bei der sie seit 1997 als freie Beraterin, Coach und Trainerin tätig ist. Sie arbeitete als Lehrerin, Schulleiterin und Schulrätin. Und sie mischt sich ein und setzt Grenzen, wenn sie auf Alltagsrassismus stößt. (Verlagstext)
 
Florence Brokowski-Shekete
Mist, die versteht mich ja!
Klappenbroschur
250 Seiten
1.Auflage 2020
Euro 22,00 inkl. MwSt.   jetzt kaufen

weitere Informationen unter: Florence Brokowski-Shekete

NEU: Eine fremde Tochter, Roman

Orlanda
NEU

NAJAT  El  HACHMI
 
EINE  FREMDE  TOCHTER
Roman
 
„Ich werde nicht mehr für euch da sein. Ab jetzt werde ich für mich da sein. Für mich oder für wen ich möchte, aber für niemanden mehr, der mich niedergedrückt und ohne Kopf will.“
 
Eindringlich erzählt Najat El Hachmi die Geschichte einer jungen Frau, die in Marokko geboren wurde und in Katalonien aufwächst. Während ihre Mutter eng mit der traditionellen, marokkanischen Lebensweise und muslimischen Religion verbunden ist, befindet sich die Protagonistin in einem permanenten Konflikt zwischen der katalanischen und marokkanischen Kultur und den Sprachen – ein Zustand, der ihre beidseitige Verbundenheit und zugleich ihre doppelte Fremdheit spürbar macht.
 
Neben den üblichen Rebellionen und Herausforderungen des Erwachsenwerdens, widmet sich der Roman den Fragen der jungen Frau: soll sie in der Welt ihrer  Herkunftskultur verwurzelt bleiben oder schafft sie es, die Bande mit ihrer Mutter zu durchbrechen und ihren eigenen Weg zu gehen?
 
Ein interkulturelles Lesevergnügen – mitreißend geschrieben von der marokkanisch-katalanischen Erfolgsautorin. 

Autorin:
Najat El Hachmi ist eine katalanisch-marokkanische Autorin, die im Alter von acht Jahren gemeinsam mit ihrer Familie von Marokko nach Spanien migrierte und heute in Barcelona lebt. El Hachmis Werk beschäftigt sich mit den Themen Identität, kultureller Verwurzelung und Entfremdung. 2015 gewann sie für „Eine fremde Tochter“ den BBVA San Juan-Preis und den Ciutat de Barcelona-Preis als bester katalanischer Roman. (Verlagstext)
 
Aus dem Katalanischen von Michael Ebmeyer
 
Najat el Hachmi
Eine fremde Tochter
Klappenbroschur
232 Seiten
1.Auflage 2020
Euro 22,00 inkl. MwSt.   jetzt kaufen

 

Mittwoch, 23. September 2020

Rezension: Minarett, Roman aus dem Nordsudan

Minarett   

Leila Aboulela

Das Minarett ist der Turm bei einer Moschee. Der Name geht auf Manara, arabisch für Leuchtturm zurück. Und wie ein Leuchtturm für die Seele steht für Nadschwa das Minarett in London, an dem sie jeden Tag vorbeigeht. Dass sie auch in die Moschee hineingehen könnte, erkennt Nadschwa erst später.

Sie sind schon eine privilegierte, westlich orientierte Familie. Die Mutter ist reich, sie heiratet nach ihrer Scheidung einen Mann, der mehr auf ihr Geld und einen erfolgreichen Posten in der Regierung schaut. Sie haben ein großes Haus, Autos und viele Hausangestellte. Nadschwa und ihr Zwillingsbruder Omar vergnügen sich in Clubs und auf Partys, beide studieren in Khartum mehr oder weniger erfolgreich. In den Ferien reist die Familie nach Europa, in London hat sie ein Appartement. Kurzum, der nordsudanischen Familie geht es sehr gut. Religion schert sie wenig. Während des Ramadan schaut sie mehr auf „die Linie“ und zu viele „Pfunde“ als auf religiöse Pflichten.

Plötzlich ändert sich die Situation im Land. Sudan, jetzt Nordsudan, ist von einem Putsch getroffen und Nadschwas Vater wird Korruption vorgeworfen. Er soll der Mann hinter dem Präsidenten, der „Drahtzieher“ der Regierung gewesen sein. Gerade will er am Abend des Putschs mit seinem Auto aus der Stadt verschwinden, da blockiert ein Auto seine Ausfahrt und er wird abgeholt. Kurz darauf wird er gehängt.

Von einem Tag zum anderen muss die Familie flüchten. Die Mutter reist mit ihren Kindern nach London, wie eine Flucht kommt es ihnen zuerst nicht vor. Dann wird die Mutter sehr krank und stirbt. Omar verstrickt sich in Drogendelikten und muss für lange Zeit ins Gefängnis. Und Nadschwa wundert sich über ihre „neue Freiheit“, in der sich niemand um sie kümmert bzw. es kümmert niemanden, was sie tut und es stört auch niemanden, was sie tut. In einer Millionenstadt wie London bleibt sie anonym, was in Khartum undenkbar gewesen wäre, immer stand sie unter Beobachtung, durch die Hausangestellten, durch Klassenkameraden, durch die Gesellschaft an sich.

Nach und nach verliert Nadschwa ihren Wohlstand und befindet sich plötzlich selbst in der Situation, sich als Hausangestellte ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Sie erinnert sich an die Lage der Diener in ihrem Elternhaus in Khartum und nun ist sie nicht mehr besser als sie. In London lebt auch ihre Tante  und andere Sudaner, mit denen Nadschwa Kontakt hat. Teilweise geht es diesen besser, weil sie nicht so sehr im Rampenlicht standen wie Nadschwas Familie, die sich vor Verfolgungen schützen muss.

In diesem Buch gibt es zwei Handlungsstränge. Zum einen die aktuelle Situation, in der sich Nadschwa in London befindet und zum anderen die Zeit in Khartum ab 1984 und die Erinnerungen daran.

Fazit:

Die Autorin Leila Aboulela beschreibt nachvollziehbar die Gefühle der Menschen, die im Roman agieren. Die Zerrissenheit Nadschwas, die Freiheit ihres Tuns in London, ohne dass jemand Notiz davon nimmt, die Freiheit in Khartum, die sie nur hat, weil sie und ihre Familie zur Oberschicht gehört wird deutlich dargestellt. Auch den anderen Figuren geht es ähnlich. Dadurch erreicht die Autorin, dass man länger über den Inhalt nachdenkt.

Wie oft, wenn sich der alltägliche Trott plötzlich ändert, sich das Schicksal dreht und man nicht mehr aus noch ein weiß, sehnt man sich nach Geborgenheit und wenn diese nicht bei Partnern oder in der Familie gefunden wird, wird die Religion plötzlich wichtig. Dabei ist es egal, ob man Muslim oder Christ ist, das Gefühl ist dasselbe. So ergeht es Nadschwa und bei ihr ist es der Gang  in die Moschee, in anderen Kulturen geht man in die Kirche, aber der Gedanke ist gleich. Am Ende ist es ihr tatsächlich möglich eine Pilgerreise nach Mekka zu unternehmen.

Ein fesselnd geschriebener Schicksalsroman.

zum Angebot


Sonntag, 20. September 2020

NEU: Dezemberkids - Roman von Kaouther Adimi

NEU

KAOUTHER  ADIMI

DEZEMBERKIDS

Roman

Algerische Revolution gestern und heute: der neue Roman der preisgekrönten algerisch-französischen Jungautorin.

Eine Brache in der Cité du 11-Décembre, in der Banlieue von Algier. Die Kinder und Jugendlichen des Viertels haben sie sich erobert. Den Kopf voller Träume, spielen sie dort Fußball, auch wenn der Regen das Areal immer wieder in Schlamm verwandelt.

Eines Tages tauchen zwei Generäle mit Bauplänen auf. Sie wollen dort ihre Villen errichten, das Grundstück gehört nun ihnen. Doch den Kindern gelingt es, die Männer fürs Erste zu vertreiben, und schon bald organisieren sie den Widerstand.

Anders als ihre resignierten Eltern sind die jungen Menschen nicht willens, sich zu beugen. Die Spannung steigt. Wird der Machtapparat die rebellische Jugend doch noch in die Knie zwingen?


Anhand dieses Konflikts erkundet Kaouther Adimi die algerische Gesellschaft. Sie beleuchtet Korruption und Machtmissbrauch, die Geschichte des Landes, den Kampf gegen die Franzosen und die Islamisten und auch die Lebensrealität der Frauen in den letzten Jahrzehnten.

Ein Buch, das Mut macht und Hoffnungen weckt und angesichts des Volksaufstands gegen Expräsident  Bouteflika geradezu prophetisch erscheint.

Autorin:

Kaouther Adimi, geboren 1986 in Algier, lebt und arbeitet seit 2009 in Paris. Sie veröffentlichte bisher vier Bücher, die zahlreiche Preise erhielten. Nach Des ballerines de papicha und Des pierres dans ma poche (dt. Steine in meiner Hand, Lenos 2017) war ihr dritter Roman Nos richesses (dt. Was uns kostbar ist, Lenos 2018) für den Prix Goncourt 2017 nominiert und wurde mit dem Prix Renaudot des lycéens und dem Prix du Style ausgezeichnet.

Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe

Kaouther Adimi
Dezemberkids
Hardcover  mit Schutzumschlag
249 Seiten
1.Auflage  5. Oktober 2020
Euro 22.00 inkl. MwSt.    jetzt bestellen

 

 

NEU: Minarett, Roman

Lenos Verlag

LEILA  ABOULELA 

MINARETT

Roman

Nadschwa wächst in einer privilegierten und westlich orientierten Oberschichtfamilie in Khartum auf. Nach einem Putsch flieht die Studentin mit ihrer Mutter und ihrem Bruder ins politische Exil nach London. Sie verliert ihren Wohlstand und bald auch ihre Eltern.

Einst hatte sie davon geträumt, einen wohlhabenden Mann zu heiraten und eine eigene Familie zu gründen. Nun ist sie auf sich allein gestellt und muss ganz unten neu anfangen. Sie arbeitet als Dienstmädchen und Putzfrau bei reichen Familien, erkämpft sich eine unabhängige Existenz.

Sie knüpft Freundschaft mit den Frauen der muslimischen Gemeinde. Und findet eine neue Heimat im Glauben. Als sie Tâmer kennenlernt, den ernsten und strenggläubigen Bruder ihrer Arbeitgeberin, muss sie sich entscheiden.

Minarett erzählt eindrücklich und aufschlussreich von Migration, sozialem Abstieg und von der religiösen Gemeinschaft als Heimat und Ort der Unabhängigkeit. Eine überraschende, provokative Emanzipationsgeschichte, die einen Sturm in der englischen Presse auslöste.

Autorin:

Leila Aboulela, geboren 1964 in Kairo, wuchs als Tochter einer ägyptischen Mutter und eines sudanesischen Vaters in Khartum, Sudan, auf. Sie studierte Ökonomie und Statistik an der dortigen Universität sowie Ökonomie und Politikwissenschaft in London. Ab 1990 Dozentin und wissenschaftliche Assistentin in Aberdeen, Schottland. Nach Jahren in Jakarta, Dubai, Abu Dhabi und Doha lebt sie seit 2012 wieder in Aberdeen. Aboulela veröffentlichte fünf Romane, zwei Erzählbände und Hörspiele. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und in rund fünfzehn Sprachen übersetzt.  leila-aboulela.com 

Aus dem Englischen von Irma Wehrli

Leila Aboulela
Minarett
Hardcover mit Schutzumschlag
340 Seiten
1.Auflage1. September 2020
Euro 24.90 inkl. MwSt.   jetzt kaufen


Freitag, 18. September 2020

Rezension Couscous mit Zimt

Couscous mit Zimt                       

Elsa Koester

Hauptsächlich dreht sich der Roman um Mamie Lucile, der Großmutter, von Marie, ihrer Tochter und von Lisa, der Tochter von Marie und Enkelin von Mamie Lucile. Ihre Leben werden aus der jeweiligen Sicht und Situation erzählt. Außerdem gehören noch Solange, die Schwester von Marie und ihre Tochter Charlotte zur Familie von Mamie Lucile. Die Männer spielen eher eine untergeordnete Rolle.

Großmutter „Mamie“ Lucile wurde fast Einhunderteins Jahre alt und besaß eine Wohnung in Paris, in der heutigen Avenue de Flandre. Nach ihrem Tod erbte zuerst Marie die Wohnung und Solange wurde ausbezahlt. Weil Marie kurz nach Lucile starb, erbte Lisa die Wohnung und nun steht ihr der Verkauf bevor, da Lisa in Berlin lebt. Im Moment hat sie die Wohnung an Larissa vermietet, einer Studentin, die ebenfalls aus Berlin stammt, aber in Paris studiert.

Lisa fährt nach Paris, um einige Möbel und andere Erinnerungsstücke nach Berlin zu schicken und besucht ihre Tante Solange und ihre Cousine Charlotte. Von ihnen erfährt Lisa ganz neue Versionen der Lebensgeschichte ihrer Verwandten und darum geht es in diesem Roman.

Jedes Kapitel trägt die Überschrift derjenigen Frau, die das Kapitel erzählt, meist wechseln sich Marie und Lisa ab.

Marie „erinnert“ sich an ihre Kindheit in Tunesien, wo sie als Tochter französischer Einwanderereltern, sogenannten Pieds-noirs, in einem kleinen Ort geboren wurde und ihre ersten Jahre verbrachte, vor allem mit Aisha, ihrer tunesischen Freundin. Auch ihre Schwester Solange wurde in Tunesien geboren. Ihr Vater kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Später zog die Familie nach Tunis, dann musste sie nach Frankreich übersiedeln. In Frankreich wuchsen Marie und Solange zu Jugendlichen heran und Marie ging nach Paris, um dort zu studieren und erlebte dort die „wilde Zeit“ der Hippies in den 1968er Jahren. Im Laufe ihres bewegten Lebens lernte Marie natürlich Männer kennen, darunter den deutschen Vater von Lisa.

Lisa erzählt von der heutigen Situation, sie gerät in die Proteste der Pariser Bevölkerung und lernt die Kommilitonen von Larissa kennen, die die Streiks begeistert mitmachen. In der Wohnung findet sie Erinnerungen an ihre Großmutter, Briefe, Bilder und lässt sich in die Vergangenheit ihrer Mutter fallen. Sie erfährt, dass ihre Großmutter natürlich ihre Töchter liebte, aber auch sehr hart sein konnte, von Maries Alkoholproblemen und ihren Folgen, Versionen, die sie noch nicht kannte.

Lisas Abstand von ihren Verwandten, die in Frankreich leben, macht sie neugierig, denn sie kennt nur die Geschichten ihrer Mutter, aber nun erfährt sie auch etwas von ihren Onkeln Antoine und Maurice, die Söhne aus der erste Ehe ihrer Großmutter und ihr Leben in Tunesien, als die Franzosen als Kolonialisten in Algerien und Tunesien lebten. Sie hatten Angst, als die Algerier ihre Unabhängigkeit nach über Einhundert Jahren Kolonialismus und Erniedrigung einforderten, dass die Tunesier ebenfalls die Kolonialisten hinauswerfen. Und Lisa hört, wie die kleine Familie in Frankreich lebten und ihre Mutter Marie die Familie verlässt und dabei über Umwege nach Berlin kommt.

Autorin:

Elsa Koester wurde 1984 als Tochter einer französischen Pied-noir mit tunesischer Kolonialgeschichte und eines norddeutschen Friesen mit US-amerikanischer Auswanderungsgeschichte in Berlin geboren, wo sie heute lebt. Sie studierte Literatur- und Politikwissenschaft sowie Soziologie und engagierte sich über 15 Jahre in sozialen Bewegungen. Heute arbeitet sie als politische Redakteurin bei der Wochenzeitung »Der Freitag«. Die neu entflammte Debatte über Identität und Heimat inspirierte sie zu ihrem Romandebüt »Couscous mit Zimt«, in das ihre Erfahrungen aus einer diversen kulturellen Identität, als Journalistin und Aktivistin mit einfließen.

Fazit:

Es ist ein amüsanter Frauenroman, in dem auch Männer vorkommen. Lisa, Charlotte und Larissa sind die „Gegenwart“, alle anderen Figuren erzählen von früher. Wie in jeder Familie empfinden und sehen die Mitglieder die jeweilige Situation anders, aus ihrer Sicht. Es wird gestritten und sich versöhnt. Die Autorin beobachtet sehr genau und schildert Alltagssituationen detailliert. Ihr Stil ist leicht und das Buch gut zu lesen.

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Freitag, 28. August 2020

Couscous mit Zimt

FVA

ELSA  KOESTER

COUSCOUS  MIT  ZIMT
Debütroman

Zigaretten, Cognac und Bücher – ihre letzten Jahre verbringt die über hundertjährige Lucile am liebsten lesend im Bett ihrer Pariser Wohnung. Als kurz nach Luciles Tod auch ihre Tochter Marie stirbt, erbt Lisa das Appartement in der Avenue de Flandre. Ihr bleiben nur noch die Erinnerungen an die zwei eigenständigen, vom Leben gezeichneten Frauen der Familie. Das Verhältnis von Mutter und Großmutter war explosiv. Die starke, aber auch selbstbezogene Französin Lucile musste nach der Unabhängigkeit Tunesiens mit ihren Töchtern überstürzt nach Frankreich fliehen, ein Heimatverlust, den die in Tunesien geborene, temperamentvolle Marie nie verwunden hat. »Fische haben empfindliche Füße«, pflegte Marie zu sagen, die immer wieder ins Straucheln geriet bei dem Versuch, im neuen Land Fuß zu fassen. Der schmerzhafte Abschied von Tunesien, die erste dramatische Liebe im Pariser Mai 1968, die Flucht vor den Übergriffen Luciles nach Berlin, wo Lisa Jahre später zur Welt kam – von all dem hat Marie ihrer Tochter erzählt. Doch kann Lisa den Erzählungen ihrer Mutter trauen?

Elsa Koester porträtiert drei charakterstarke Frauen, deren Schicksale von gesellschaftlichen Umbrüchen und Krisen gezeichnet sind. Die hinreißende Leichtigkeit, mit der sie die Perspektiven von drei Generationen verwebt, die gewinnende Eigenwilligkeit ihrer Figuren und der gesellschaftlich-scharfsichtige Blick der Autorin machen »Couscous mit Zimt« zu einer mitreißenden Lektüre, ein Familienroman voller emotionaler Wärme, Empathie und einer sprühenden Lust am Erzählen.

Autorin
Elsa Koester wurde 1984 als Tochter einer französischen Pied-noir mit tunesischer Kolonialgeschichte und eines norddeutschen Friesen mit US-amerikanischer Auswanderungsgeschichte in Berlin geboren, wo sie heute lebt. Sie studierte Literatur- und Politikwissenschaft sowie Soziologie und engagierte sich über 15 Jahre in sozialen Bewegungen. Heute arbeitet sie als politische Redakteurin bei der Wochenzeitung »Der Freitag«. Die neu entflammte Debatte über Identität und Heimat inspirierte sie zu ihrem Romandebüt »Couscous mit Zimt«, in das ihre Erfahrungen aus einer diversen kulturellen Identität, als Journalistin und Aktivistin mit einfließen.

Elsa Koester
Couscous mit Zimt
Hardcover
448 Seiten
Neuerscheinung August 2020
Euro 24,- inkl. MwSt.   jetzt kaufen


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Montag, 24. August 2020

Eine Liebe zwischen den Fronten


lübbe

MARIA  W.  PETER

 EINE LIEBE ZWISCHEN DEN FRONTEN

Historischer Roman

Berlin, 1870: Die Französin Madeleine und der junge deutsche Arzt Paul feiern gerade ihre Verlobung, als eine schreckliche Nachricht ihre Pläne durchkreuzt: Zwischen Preußen und dem Französischen Kaiserreich ist der Krieg ausgebrochen. Überstürzt brechen Madeleine und ihr Vater in ihre Heimatstadt Metz auf.

Paul muss als preußischer Militärarzt zurück zu seinem Regiment nach Coblenz. Von nun an Feinde zu sein und auf unterschiedlichen Seiten zu stehen, ist für Paul und Madeleine unerträglich. Kann ihre Liebe den Krieg überstehen?

Packender historischer Roman über das Schicksal dreier Familien, die der Deutsch-Französische Krieg auseinanderreißt.

Mit vielen Schauplätzen in Deutschland, Lothringen und dem Elsass. (Verlagstext)

 

Autorin

Maria W. Peter ist seit Langem von Amerika begeistert. Während ihres Studiums der  Amerikanistik und Anglistik war sie Mitglied eines amerikanischen Chors auf dem Militärstützpunkt in Kaiserslautern und pflegte intensive Kontakte zu amerikanischen Familien. Später lebte sie in Columbia, Missouri, wo sie als Fulbright-Stipendiatin die School of Journalism besuchte. Dort erlag sie endgültig der Faszination amerikanischer Kultur und Geschichte. Schon zu Studienzeiten arbeitete Maria W. Peter als Journalistin. Heute ist sie als freie Autorin tätig und pendelt zwischen dem Rheinland und dem Saarland.

Maria W. Peter
Eine Liebe zwischen den Fronten
Taschenbuch
623 Seiten
Euro 12,90 inkl. MwSt.  jetzt kaufen

 

Bemerkung:

Eine Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg, der vor 150 Jahren stattfand.

Wichtig ist auch die Einbeziehung kolonialer Truppen, die für Frankreich an der Front kämpften. Es waren dies die bekannten Algerischen Tirailleurs. Tatsächlich sind viele Franzosen nach dem Krieg nach Algerien ausgewandert, was allerdings für die Algerier eine massive Verschlechterung ihrer Situation im eigenen Land bedeutete, da sie zunehmend von der Kolonialverwaltung unterdrückt und ihrer Rechte beraubt wurden.

Ebenso ist das Nachwort eine anschauliche und interessante Ergänzung zum intensiv recherchierten Roman.

(B.Agada)


Donnerstag, 4. Juni 2020

Metamorphosen oder Der goldne Esel

Die Andere Bibliothek

APULEIUS

METAMORPHOSEN  ODER  DER  GOLDNE  ESEL

"Ich will dir, lieber Leser, in diesem milesischen Märchen allerhand lustige Schwänke erzählen, welche deine Ohren auf das angenehmste kitzeln sollen ..."

"Metamorphosen oder Der goldne Esel" des Apuleius, übertragen aus dem Lateinischen, ist ein Roman aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert, der seit 1800 Jahren die Literatur und Bildende Kunst beeinflusst.

Er erzählt die Geschichte des nach Wundern begierigen jungen Manns Lucius, der, durch eine falsche Zaubersalbe verwandelt, nun als Esel mit Menschenverstand durch eine unglaubliche Fülle spannender und komischer Erlebnisse gewirbelt wird. Er muss erkennen, welch delikate und verwunderliche Beziehungen Menschen untereinander und selbst mit Eseln eingehen.

Mit dieser Rahmenerzählung verflochten findet sich ein Kranz selbständiger Liebes-, Gauner- und Schelmengeschichten, die das farbige Bild menschlichen Erlebens auf amüsante Weise erweitern.
Vielfach ausgedeutet, haben alle Lesarten diesem so grotesk-sprunghaften wie witzigem Buch nichts von seiner hauptsächlichen Qualität genommen: seiner feinen, klassisch-komödiantischen Ironie.

Mit unserem 400. Band kehren wir traditionsbewusst zurück zu den Anfängen: Band 1 unserer Anderen Bibliothek versammelte aus dem Griechischen übersetzte "Lügengeschichten und Dialoge" des Lukian von Samosata.

Autor
Apuleius von Madauros (ca. 123 - 170 n. Chr.) war Schriftsteller, Rhetoriker und Philosoph platonischer Schule. Seine schriftstellerischen Werke machten ihn zunächst in der römischen Provinz Africa, anschließend im gesamten Römischen Reich und seiner Hauptstadt berühmt. Noch zu Lebzeiten wurden ihm zu Ehren Statuen errichtet. Neben seinen philosophischen und rhetorischen Schriften hat sich als einziger Roman "Metamorphosen oder Der goldne Esel" erhalten, auf dessen Fassung der Geschichte von "Amor und Psyche" die gesamte abendländische Behandlung des Motivs durch Literatur und Bildender Kunst zurückgeht.

Aus dem Lateinischen übersetzt von August Rode, durchgesehen von Stefan Stirnemann und von diesem mit einem Vorwort versehen.
(Verlagstext)

Apuleius
Metamorphosen oder Der goldne Esel
Originalausgabe, nummeriert und limitiert. Ausgestanzte, goldene Buchschlaufe, geprägter Einband, goldenes Vorsatzpapier, mit Illustrationen, Fadenheftung, Lesebändchen.  
Bandnummer: 400
420 Seiten
Euro 42,00 inkl. MwSt.    Buch kaufen

Samstag, 29. September 2018

Rezension: Was uns kostbar ist

Lenos
Rezension

KAOUTHER ADIMI

WAS  UNS  KOSTBAR  IST     Roman

 Ein Mensch, der liest, ist doppelt wert“ steht auf Arabisch und Französisch geschrieben auf dem Schaufenster in der Rue Hamami Nr. 2 die früher Rue Charras hieß als Algerien noch zu Frankreich gehörte. Das Schaufenster gehört zur Leihbuchhandlung „Les Vrais Richesses“, „die wahren Schätze“ und diese Schätze sind die Bücher, die hier in Algier von Edmond Charlot (1915 - 2004) verlegt, verliehen und verkauft wurden.

2015, nach 80 Jahren, soll die Buchhandlung verkauft werden. Warum eine Stadtbibliothek/Buchhandlung einem privaten Käufer überlassen, der daraus ein Restaurant machen möchte, wo rechts eine Pizzeria und links ein Lebensmittelgeschäft ist ?, fragt sich der Journalist, der über die Schließung einen Artikel schreibt. „Es stört wohl niemanden, dass wir nicht mehr lesen, uns nicht mehr bilden können?“, denkt er. Er notiert „Der Staat verschleudert die Kultur, um an jeder Straßenecke eine Moschee zu bauen! Es gab einmal eine Zeit, in der Bücher so wertvoll waren, dass wir sie respektvoll betrachteten, sie unseren Kindern versprachen, sie geliebten Menschen schenkten!“ Wie wahr.

Der Student Ryad soll die Buchhandlung räumen, alles wegwerfen und die Wände streichen. Er begegnet Abdallah, der dort gearbeitet hat, der ihm von seinem Leben und seiner Arbeit erzählt, als die Buchhandlung eine Außenstelle der Nationalbibliothek wurde. Das war während des algerischen Bürgerkriegs (1991 - 2002).

Die Autorin Kaouther Adimi schreibt aus der Sicht der Bewohner des Viertels in der ersten Person im Plural - das verbindet. Sie blickt zurück: 1930 feiert Frankreich die Einnahme Algiers vor 100 Jahren. Die Algerier beginnen sich Gedanken zu machen. Sie wollen die koloniale Autorität und Unterdrückung nicht mehr länger hinnehmen. „Wir müssen kämpfen, Rechte einfordern, uns organisieren“, sagt der eine und der andre stimmt zu, „wie lange ducken wir uns noch? Der Code de L’indigéant macht uns zu einer Unterkategorie von Menschen in unserem eigenen Land. Hier ist aber unser Zuhause.“

Vor diesem Hintergrund eröffnet der Algerienfranzose Edmond Charlot 1936 seine Leihbibliothek, die gleichzeitig Verlag und Buchhandlung wird. Von einer Reise nach Paris hat er die Idee mitgebracht.
Die Buchhandlung soll ein Ort der Begegnung mit der Literatur, der Freunde und Autoren werden, die „das Mittelmeer lieben“ - auf beiden Seiten. Sein Traum ist, das zu publizieren, was ihm gefällt und dass er „vor der Presse und den Lesern wirklich vertreten kann“. Albert Camus ist von Beginn an dabei, später verlegt Edmond Charlot die Schriftsteller Jean Giono, Jean Amrouche, Jules Roy, Mohammed Dib, Mouloud Feraoun,  André Gide, Kateb Yacine und viele andere. Sein Motto: „Junges, von Jungen für Junge“.

Immer wieder hat Edmond Charlot mit den Wechseln der Geschichte zu kämpfen. 1939 veröffentlicht er als erster das Buch „Noces“ (Hochzeit des Lichts) von Albert Camus und wird zur Armee eingezogen. Im Juli 1940 kehrt er nach Algier zurück. Nur unter Schwierigkeiten betreibt er sein Geschäft weiter, es gibt kein Papier, anderes ist wichtiger als Lesen, die Druckerei ist geschlossen, Geld ist kaum vorhanden. Trotzdem erhält er weiterhin viele Manuskripte und muss die Schriftsteller vertrösten. Die Leser nehmen was da ist.
1942 verbringt er einen Monat im Gefängnis, weil er von Gertrude Stein denunziert wird. Frankreich und Algerien waren von Deutschland besetzt. 1945 wird er wieder eingezogen, dieses Mal nach Paris. „Les Vrais Richesses“ führen seine Frau und sein Bruder weiter. In Paris gründet er einen zweiten Verlag, doch auch in Paris gibt es Schwierigkeiten, nicht nur mit der Papierbeschaffung und den Finanzen, sondern auch mit Konkurrenten. Die Schulden belaufen sich auf mehrere Millionen Franc und so kehrt Edmond Charlot gescheitert 1948 nach Algier zurück. Dann beginnt 1954 der algerische Unabhängigkeitskrieg. Schriften werden zensiert, die Gründung einer Zeitschrift verschoben, Algerier werden gefoltert, ermordet. 1961 werden die zweite Buchhandlung von Edmond Charlot und das Archiv durch einen Bombenanschlag zerstört. Alles ist kaputt, nur noch Schutt und Staub. War es ein Anschlag der OAS? Das Ende Frankreichs in Algerien zeichnet sich ab. Edmond Charlot hat Glück im Unglück. Er erhält eine Arbeit beim Radiosender France 5 Algier.   

Fazit:
Eine unglaublich beeindruckende Arbeit der jungen Schriftstellerin Kaouther Adimi. Sie stellt einen Zusammenhang zwischen Literatur und Zeitgeschehen her und beleuchtet das Zusammenleben zwischen Algeriern und (Algerien-)Franzosen. Gleichzeitig erinnert sie an die vielen Schriftsteller, die Edmond Charlot durch seinen Verlag bekannt und berühmt machte.
Der Leser erfährt nicht nur, wie schwierig es in der damaligen Zeit war eine Buchhandlung zu führen sondern auch, wie wichtig die Arbeit des Verlags war, der schnell Flugblätter drucken oder ein Theaterstück, das verboten wurde, als Roman herausgeben konnte.
Für die Freunde, die Autoren waren, war Edmond Charlot als Verleger wie ein Vater, der seine Kinder an die literarische Hand nahm und sie immer unterstützte. Trotz der vielen Änderungen in seinem Leben hielt Edmond Charlot an seiner Arbeit fest bis es nicht mehr ging.

Ein wunderbar, einfühlsames Buch mit viel Sorgfalt und Liebe zur Literatur geschrieben.

PS. Bei meinem nächsten Besuch in Algier werde ich in die Rue Hamami gehen... Tatsächlich habe ich Anfang Juni 2019 die Bibliothek besucht. 


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Mittwoch, 5. September 2018

NEU: Was uns kostbar ist

Lenos Verlag
Neuerscheinung

KAOUTHER  ADIMI

WAS  UNS  KOSTBAR  IST   Roman

Ryad soll eine alte Buchhandlung in Algier leer räumen. Was er vorfindet, ist ein geschichtsträchtiger, einzigartiger Ort: Hier wirkte Edmond Charlot (1915–2004), der 1936 mit Les Vraies Richesses ein blühendes Zentrum der Bücher gründete, Bibliothek, Verlag und Treffpunkt in einem.

Edmond Charlot entdeckte Albert Camus und weitere literarische Größen des 20. Jahrhunderts und engagierte sich unermüdlich für die Literatur. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er »der Verleger des freien Frankreichs« genannt, Autorinnen und Autoren aus aller Welt gingen ein und aus. Er überlebte eine Inhaftierung unter dem Vichy-Regime, Papiermangel, finanzielle Nöte und zwei Sprengstoffattentate.

Kaouther Adimi gelingt mit ihrem preisgekrönten Roman eine Hommage an die Literatur und einen herausragenden Förderer. Lebensnah und einfühlsam skizziert sie mit Charlots fiktivem Tagebuch Momentaufnahmen aus seinem bewegten Leben, eingebettet in die Geschichte des kulturell und politisch engverwobenen Mittelmeerraums. Und sie schlägt den Bogen in die Gegenwart, wo ein Student Charlots Welt der Literatur neu entdeckt.
Ausgezeichnet mit dem Prix Renaudot des lycéens und dem Prix du Style 2017. (Verlagstext)

Autorin:
Kaouther Adimi, geboren 1986 in Algier, lebt und arbeitet seit 2009 in Paris. Ihr erster Roman, Des Ballerines de papicha, erschien 2010 in Algerien und wurde 2011 unter dem Titel L’Envers des autres auch beim französischen Verlag Actes Sud aufgelegt; die Autorin wurde dafür mit dem Prix littéraire de la vocation und dem Prix littéraire de l’Association France-Algérie ausgezeichnet. Inzwischen hat sie ihren dritten Roman veröffentlicht. (Verlagstext)

Aus dem Französischen von Hilde Fieguth

Kaouther Adimi
Was uns kostbar ist
Hardcover gebunden, mit Schutzumschlag
224 Seiten
1.Auflage 2018
Euro 22,- inkl. MwSt.     hier kaufen


Pressestimmen
»Dieses unglaublich schöne Buch ist eine Reise nach Algerien und eine Hommage. An einen Mann und seinen grössten Schatz: die Literatur.«
Annabelle Hirsch, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

»Ein grossartiger, überwältigender Roman.«  Le Figaro


Sonntag, 22. April 2018

Unter den Augen des Löwen

Wunderhorn

MAAZA  MENGISTE

UNTER  DEN  AUGEN  DES  LÖWEN     Roman

"Unter den Augen des Löwen" erzählt am Beispiel einer Familie die blutigen Umbrüche im Äthiopien der 1970er Jahre.

Während furchtbare Hungersnöte den Norden des Landes heimsuchen, wächst in der Landeshauptstadt Addis Abeba der Widerstand gegen den alten Kaiser Haile Selassie.

Dawit, der Sohn des bekannten Arztes Hailu, schließt sich gegen den Willen des Vaters einer revolutionären Studentengruppe an. Als der Kaiser 1974 tatsächlich gestürzt und die jahrhundertealte Monarchie gewaltsam abgeschafft wird, kommt eine kommunistische Gruppierung an die Macht, die das Land in einen verheerenden Bürgerkrieg führt. In den Kriegswirren gerät Hailu in Schwierigkeiten, als er einer jungen Frau, die gefoltert wurde, hilft zu sterben.

Dawit geht erneut in den Untergrund. Inzwischen ist sein enger Kindheitsfreund Mickey zu einem hochrangigen Polizisten aufgestiegen. Familienbande und Freundschaften sehen sich brutalen Prüfungen ausgesetzt.

»Die Übersetzung aus dem Englischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt durch litprom - Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.«
www.litprom.de


Autorin
Maaza Mengiste, geboren 1971 in Addis Abeba, Äthiopien. Während der kommunistischen Revolution musste sie 1975 mit ihrer Familie Äthiopien verlassen, um in Nigeria, Kenia und schließlich in den USA zu leben. Sie studierte Creative Writing an der New York University, wo sie heute lehrt. Ihr viel beachteter Debüt Roman Unter den Augen des Löwen wurde in mehrere Sprachen übersetzt.


Aus dem Englischen von Andreas Jandl
Andreas Jandl, geboren 1975, studierte Theaterwissenschaften, Anglistik und Romanistik in Berlin, London und Montréal. Seit 2000 arbeitet er freiberuflich als Redaktionsassistent, Dramaturg und Übersetzer aus dem Englischen und Französischen. Zu seinen Übersetzungen gehören Theaterstücke und Romane u.a. von Daniel Danis, Nicolas Dickner, Mike Kenny, Michael Mackenzie, Gaétan Soucy und Jennifer Tremblay.


Maaza Mengiste
Unter den Augen des Löwen
Hardcover gebunden
Format 13.5 x 21 cm
290 Seiten
1.Auflage 2012
Euro 24,80 inkl. MwSt.    jetzt bestellen



Herausgeberin:
Indra Wussow studierte Literaturwissenschaft, lebt in Johannesburg/Südafrika und auf Sylt. Sie arbeitet als Autorin, literarische Übersetzerin und Kuratorin für verschiedene internationale Einrichtungen. 2002 gründete sie auf Sylt die von ihr geleitete Stiftung „kunst:raum sylt quelle“. Mit Stipendien, Ausstellungen, Aufführungen und Veröffentlichungen werden zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler sowie Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus unterschiedlichen Nationen gefördert. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt im Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst. 2008 eröffnete die Stiftung eine Dependance in Johannesburg, das “Jozi art:lab“.