Mittwoch, 24. Juni 2015

Rezension Augustinus - Genie und Heiliger

Augustinus Biographie

Rezension

KLAUS  ROSEN

AUGUSTINUS  -  GENIE  UND  HEILIGER          
Eine historische Biographie

Wer heute im lauschigen Biergarten ein Augustiner-Weizen genießt, oder eines der vielen Augustinerklöster oder Augustinerkirchen besucht, denkt schon daran, dass der Namensgeber, der heilige Augustinus, einer der einflussreichsten Kirchenväter und Bischof von Hippo Regius, dem heutigen Annaba in Nordalgerien war.

Aurelius Augustinus lebte von 354 bis 430 n. Chr. als Nordafrika als Africa proconsularis zum Römischen Imperium gehörte. Die Christenverfolgungen, die unter seinem Vorgänger Diokletian brutal durchgesetzt wurden, hörten unter Kaiser Konstantin (313/324 n.Chr.) auf und dieser bekannte sich immer mehr zum Monotheismus. In der Zeit stritten die verschiedenen christlichen Gruppen wie Donatisten, Arianer und Orthodoxe untereinander. Als Augustinus am 13. November 354 in Thagaste, dem heutigen Souk Ahras in Ostalgerien, geboren wurde, war die katholische Kirche dabei, sich zu etablieren und später trug er als Bischof von Hippo wesentlich dazu bei.

Seine Eltern erhofften sich für ihren Sohn eine gute Ausbildung und so ging Augustinus nach der Schule und Ausbildung in Grammatik und Rhetorik zum Universitätsstudium nach Karthago. Dort lernte er als junger Mann nicht nur die Unterrichtssäle sondern auch das ungezwungene Leben der „Großstadt“ kennen. Karthago war die Hauptstadt des africanischen römischen Reiches zu dem Numidien, die Heimat des Augustinus gehörte. Diese damals quirlige Metropole bot mit Theatern, Bädern und anderen Vergnügen eine willkommene Abwechslung. In die Kirchen ging Augustinus „um sich nach Mädchen umzusehen“, vom Gebet zum Einen christlichen Gott hielt er damals nicht mehr viel, nachdem er als 7jähriger eher schlechte Erfahrungen machte, als er Gott um Hilfe anflehte, er „möchte in der Schule keine Schläge mehr bekommen“, diese Hilfe ausblieb und die Eltern ihn überdies noch auslachten.
  
Augustinus selbst war nicht von Beginn an Christ katholischen Glaubens, wie es seine Mutter Monnica für ihn erhofft hatte. Sie selbst bekannte sich sehr früh zum Katholizismus, doch ihr Glück erfüllte sich erst kurz vor ihrem Tod in Italien. Hier bekehrte sich ihr Sohn Augustinus nach langem Zweifeln, Unsicherheit, Unwohlsein und innerer Unzufriedenheit zum katholischen Glauben.
Vorher war er vom Manichäertum überzeugt und überzeugte viele seiner Freunde, sehr zu seinem späteren Bedauern, als er sie wieder zum Katholizismus bekehren wollte und dies nur teilweise vermochte.
Augustinus Sohn Adeodatus (d.h. von Gott geschenkt), den er sehr schätzte und Alypius, sein Freund und späterer Bischof von Thagaste bekehrten sich  mit ihm 387 in der Nähe von Mailand.
Bevor Augustinus in seine Heimat Africa zurückkehrte und dort ab 395 als Bischof in Hippo wirkte,  fanden seine Mutter, die spätere heilige Monnica, und sein Sohn Adeodatus den Tod.

In dieser Zeit gab es viel mehr christliche Glaubensgemeinschaften in Nordafrika, wie z.B. die Donatisten, deren Mitgliederzahlen, zeitweise die der Katholiken überstiegen. Mit ihnen schrieb und stritt sich Augustinus um Auslegungsfragen. Dazu kamen die Pelagonier und mit den Goten  und Vandalen die arianische Glaubensvorstellung.
Er schrieb unzählige Bücher und Briefe um Zweifler zu mahnen und zur wahren Kirche zurückzukehren, Freunden Trost auszusprechen, Bittstellern zu Glaubensfragen zu helfen. Er diskutierte mit seinen Bischofkollegen in Jerusalem und Bethlehem genauso wie mit jenen in den 208 Diözesen im heutigen Tunesien, Algerien und Libyen.

Man kann sich heute kaum vorstellen, welches Arbeitspensum Augustinus absolvierte. Täglich, manchmal Tag und Nacht, schrieb er an seinen Büchern, beantwortete Briefe, antwortete auf Bücher seiner Gegner mit Kommentaren aus denen oft ebenfalls Bücher wurden. Gleichzeitig war er als Bischof von Hippo Vorstand einer der größten katholischen Gemeinden, die neben Karthago in Tunesien und dem heutigen Cherchell auch in Algerien die einflussreichsten des römischen Reiches waren. Er erhielt Briefe von Päpsten und Kaisern, gab Bibelerklärungen, gute Ratschläge für friedliche Auseinandersetzungen anstatt Kriege.
Er legte eine umfangreiche Bibliothek seiner und anderer Werke an, reiste zu Konzilen oder zum Kaiser nach  Ravenna, um Einfluss zur Begnadigung oder zumindest Abkehr von der Todesstrafe zu erwirken.

In seinem letzten Lebensabschnitt hatte er es mit Veränderungen zu tun, die kriegerischer Art waren, wie 410 die Überfälle der Goten in Rom, die er als Strafe Gottes über die römische Götterverehrung ansah. Tausende Römer flohen nach Nordafrika.
Die Einwanderung der Vandalen und Sueben, die 429 auf afrikanischen Boden im heutigen Marokko ankamen, erlebte er direkt mit. Seine Bitte, Gott möge ihn zu sich holen, bevor die Vandalen nach Hippo kamen, wurde 430 erhört und so lebte der große Bischof nicht mehr als Hippo 431 und Karthago 439 eingenommen wurden.

Augustinus beeindruckendes Erbe
Das Buch besteht aus einem Vorwort des Herausgebers über das Interesse an Biographien und einem des Autors mit beeindruckenden Zahlen. Demnach hielt Augustinus 8000 Predigten, von denen heute noch 559 erhalten sind. Er hinterließ ein „Bergwerk“ von Schriften mit etwa 5,2 Millionen Wörtern, zum Vergleich werden Platon mit 600000 und Aristoteles mit 875000 Wörtern angeführt, die von Augustinus bei weitem übertroffen werden. Der Philosoph Karl Jaspers meinte dazu: „Es ist, als ob Augustinus jeden Tag geschrieben hätte und nun der Leser ein ebenso langes Leben zum Lesen wie Augustinus zum Schreiben brauche“.
Im Nachwort informiert der Autor über den heutigen Stand der Literatur über Augustinus, die Erweiterung der Forschung und die Augustinerklöster, von denen es Frauen- und Männerorden gibt.
Interessant ist auch, dass es heute weltweite Augustinerorden und wissenschaftliche Augustinus-Institute gibt, die sich mit den rund 15000 mittelalterlichen Handschriften, die sich bis heute erhalten haben, beschäftigen. Die Mönchsregeln, die der hl. Augustinus seinen Nachfolgern auferlegte, haben über hundert Orden beeinflusst, dazu gehören unter anderen auch die Augustiner-Barfüßer oder der Birgittinnenorden. Das Zentrum für Augustinus-Forschung ist in Würzburg.

In 17 Kapiteln wird das Leben von der Kindheit bis zum Tod des Kirchenvaters erzählt. Es folgen Anmerkungen, Bibliographie, Register und eine Zeittafel.

Autor:
Professor Dr. Dr. Klaus Rosen lehrte Alte Geschichte an den Universitäten in Pretoria, Freiburg, Eichstätt und Bonn, bevor er 2002 emeritierte. Er ist Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste.
Bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft sind von Professor Rosen weitere Bücher erschienen: „Ammianus Marcellinus. Erträge der Forschung“ (1982) und „Griechische Geschichte erzählt. Von den Anfängen bis 338 v. Chr.“ (2006)


Fazit:
Ein beeindruckendes Buch über einen der größten und einflussreichsten Kirchenväter, der die katholische Kirche entschieden mitgeprägt hat. Der Autor Professor Dr. Dr. Klaus Rosen beschreibt das Leben und Wirken anschaulich und man erhält interessante Erkenntnisse über die katholischen Kirche in Nordafrika und Rom, religiöse christliche Gruppen, römische Göttervorstellungen und Manichäer, mit denen sich Augustinus auseinandersetzte. Immer wieder kommt der Bischof selbst zu Wort, wenn aus den großen Werken „Bekenntnisse“, „Gottesstaat“ und anderen zitiert wird und es wird klar, warum Rosen den Untertitel „Genie und Heiliger“ beifügte.
„Nimm und Lies“ - so lautet die Bitte im Umschlagtext, die dem heiligen Augustinus den entscheidenden Anstoß zur großen Wende seines Lebens gab. Auch der Autor wünscht sich für seine Augustinus-Biographie dieses Motto.



Donnerstag, 28. Mai 2015

Rezension - Erica de Bary

Horlemann
Rezension


Erica de Bary                                                                                                         
„Hinter dem Seidenhimmel spannt sich die flockige Nacht wie Zunder“
von Dr. Almut Seiler-Dietrich

Als Erica de Bary 1907 in Berlin-Charlottenburg als Erika Kramer geboren wurde, hatte Deutschland noch für 12 Jahre Kolonien in Afrika und anderswo, Frankreichs Kolonialzeit dauerte in Algerien noch 55 Jahre und in Marokko 50 Jahre und Italiens Kolonialzeit in Libyen noch 44 Jahre an. In diese und andere Länder reisten Erica und Herbert de Bary, 1930 noch während der spanischen Kolonialzeit und 1952 nach Marokko, 1954 nach Algerien. Später wurden sie von Sohn Harald und anderen Reisegefährten begleitet.

"Arabisches Märchen" 
 „Reisen und Schreiben“ gehörte für Erica de Bary, zusammen, seitdem sie zum ersten Mal 1930 nach Spanien zu ihrem Verlobten Herbert de Bary unterwegs war. Ganz luxuriös mit einem „Mercedes-Herrschaftswagen“ und den zukünftigen Schwiegereltern gelangte sie bis nach Tetouan, damals eine spanische Kolonie, heute Nordmarokko.
Für Erika war diese erste Urlaubsreise ein „arabisches Märchen“ und ihre Eindrücke fasste sie im Reisebericht „Spanische Impressionen“ zusammen. Dabei waren ihr die Bevölkerung, die politische Situation der Diktatur, die soziale Realität viel unwichtiger als das, was sie sehen wollte, das „Archaisch-unveränderte“, „urzeitlich“ wirkende Landschaften, maurische Paläste und „Gesichter aus alten arabischen Märchen“ - Klischees, die sogar heute noch in Urlaubsprospekten wirken, wenn „die sinkende Sonne mit ihren letzten Strahlen die afrikanische Erde rot aufleuchten lässt, ehe die Nacht sie in tiefes Dunkel und Schweigen hüllt.“

Reisen und Schreiben
Erica de Barys Leidenschaften waren die Literatur, Schriftstellerei, Kunst und das Reisen, und zwar außerhalb Deutschlands, wie sie freimütig zugibt: „Deutschland war uns unwichtig, Vaterland, Militär, Krieg, das war uns fremd“. Sie konnte es sich leisten die aufkommende Not und den Nationalsozialismus als „kleinbürgerliche und kleinkarierte Deutschtümelei“ zu ignorieren. Allerdings waren diese Ansprüche und die Reisen nur realisierbar, weil Herbert und seine Eltern diese Leidenschaften finanziell unterstützten. 1941 bis 1944 konnte Erica ihrem Mann in das von Deutschland besetzte Frankreich folgen. Er wurde als Adjutant und Dolmetscher nach Paris versetzt und entkam so dem geplanten Russlandfeldzug, auf den seine Einheit vorbereitet wurde. Erica arbeitete für die „Pariser Zeitung“ und lernte Schriftsteller aus verschiedenen afrikanischen Ländern kennen, darunter die späteren Präsidenten von Senegal und Madagaskar, mit denen sie auch nach dem Krieg verbunden blieb und die in ihrem Haus in Frankfurt willkommen waren.

Literaturvermittlerin nach dem Krieg
Zwischen 1949 und 1952 blieb Erica de Bary bei der Familie in Frankfurt und übersetzte in Deutschland unbekannte afrikanische Schriftsteller. Sie wurde eine geschätzte Literaturvermittlerin, die in Zeitungen die deutschen Leser der Nachkriegszeit mit literarischen Skizzen und Geschichten unterhielt. Von ihr übersetzte Theaterstücke wurden bald uraufgeführt.

Leidenschaft Sahara
Während in Europa die meisten Menschen unter den schwierigsten Umständen zu leiden hatten, machten sich Erica und Herbert de Bary bald wieder auf den Weg und reisten.
Am meisten beeindruckt waren sie von der Sahara. Herbert fotografierte die Bilder, die später in den Reisebüchern veröffentlicht wurden. Die libysche Oase Ghadames war ein Traum, der 1957 verwirklicht werden konnte. Es folgten Reisen und Bücher über die südlibysche Oase Ghat, später bis nach Kamerun und immer wieder in das Tassili n’Ajjer auf der algerischen und libyschen Seite zu den bekanntesten Felsmalereien der Sahara. Anfangs waren die Bücher, vor allem „Ghadames, Ghadames“ mehr ein fantasievoller Traum und eiserner Wille die Oase zu erreichen als ein Tatsachenbericht. Die folgenden Reisebücher enthielten Beschreibungen der Menschen und ihrer Tätigkeiten, die sie kennenlernten und durch ihre freundliche Neugier drangen sie tiefer in das Leben der Oasen ein, als heutige Besucher. Ihre Ansprüche waren nicht hoch, sie wollten so einfach wie möglich reisen und dabei möglichst viel sehen, heutigen Backpackern ähnlich. Dabei war es ihnen wichtig, das Ursprüngliche, heute würde man sagen, das Exotische zu finden, das sich allerdings in ihren Augen nicht verändern sollte, so wie es der befreundete Forscher Leo Frobenius in seiner „Kulturgeschichte Afrika“ beschrieb, dessen Verachtung für „zivilisierte, d.h. modern denkende und aufgeklärte Afrikaner“ Erica teilte.  

Ihren Lebensabend verbrachte die Einhundertjährige schreibend in Frankfurt, so lange es ging in der Cretzschmerstraße, später in einem Wohnstift. Kinder und Enkel Erica de Barys leben bis heute in Irland und Frankfurt.


Autorin
Dr. Almut Seiler-Dietrich beschreibt das Leben der Einhundertjährigen mit einfühlsamen Worten und lässt den Leser am Leben der Schriftstellerin teilhaben. Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit der Kindheit und Jugend Erika Kramers, ihrer Eltern und Großeltern bis sie 1931 ihren Heriberto heiratete.
In den zweiten Teil, über die Reisen Erica de Barys vor allem nach Afrika, fließen ihre eigenen Erfahrungen mit ein und dies ist erkennbar an vielen Details über afrikanische Dichter und Schriftsteller, die sie zum Teil selbst als Literaturwissenschaftlerin für afrikanische Literatur kennengelernt hatte.
Almut Seiler-Dietrich schreibt flüssig und gut lesbar, auch mit kritischen Gedanken. Sie hatte Gelegenheit Erica de Bary persönlich kennen zu lernen und dies macht das interessante Buch noch authentischer.

Fazit
Erica de Bary macht den Eindruck eines verzogenen Kindes. Sogar noch als Erwachsene musste ihr Mann Herbert sie oft genug ermahnen, geduldig und ruhig zu sein, wenn sie mit ihren Forderungen ihren Willen durchzusetzen versuchte, anstatt auf die einheimischen Bewohner der Oasen zu hören. Besonders deutlich wird dies in ihrem Buch „Ghadames, Ghadames“.
Ihre Mutter Elisabeth tat für sie alles, um ihr ein angenehmes Leben zu gestalten, auch unter schwierigsten Umständen, später nutzte Erica es eigennützig und rücksichtslos aus, sogar im Alter hat sie ihrer Mutter nicht verziehen, dass diese zu ihrer Schwester zog, die sich besser um die Mutter kümmerte.

Erica de Bary schien immer im Mittelpunkt stehen zu wollen, ob als Kind oder später als Schriftstellerin und Übersetzerin afrikanischer Dichter. Ihr Mann Herbert, der auf fast allen Reisen dabei war und ihr erst dieses weitgehend sorgenfreie Leben ermöglichte, konnte sie kaum bändigen und oft genug setzte sie wohl auch gegen ihn ihren Willen durch. Ihre Kinder vernachlässigte sie, doch sie waren nachsichtig. Ob Erica ihrem Mann wirklich dankbar war oder alles, was ihr an Gutem zuteil wurde als selbstverständlich forderte, ist schwer in diesem Buch zu erkennen. Vielleicht brauchte es dieses Durchsetzungsvermögen und die egoistischen Eigenschaften, um in den Zeiten mit zwei Weltkriegen und vielen politischen und wirtschaftlichen Änderungen zu überleben, besonders als Frau.



Donnerstag, 21. Mai 2015

Rezension Germaine Tillion - Die gestohlene Unschuld

Germaine Tillion
Rezension


Germaine Tillion - Die gestohlene Unschuld         
Hrsg. Mechthild Gilzmer

In diesen Tagen wird viel über das Ende des zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren gesprochen und geschrieben, Überlebende und Prominente reisen zu den Konzentrationslagern. Eines, dieser Lager war das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, rund einhundert Kilometer nördlich von Berlin am Schwedtsee. Hierher wurden von 1939 bis 1945 rund 132000 Frauen und Kinder aus 40 Nationen gebracht, darunter mehrere Tausend Französinnen, die in der „Résistance“ - im Widerstand gegen Deutschland organisiert waren. Germaine Tillion und ihre Mutter Emilie wurden in Paris aufgegriffen  und nacheinander als politische Gefangene nach Ravensbrück gebracht. Während ihre Mutter Emilie (1876-1945), die als Schriftstellerin im Verlag Hachette arbeitete und einige Reiseführer der Guides bleus schrieb, umkam, wurde Germaine im April 1945 befreit.

Herausgeber und Übersetzer
Das vorliegende Buch „Die gestohlene Unschuld - Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie“ wurde von Prof. Mechthild Gilzmer auf Deutsch übersetzt und herausgegeben, die zur Einführung den Essay „Germaine Tillion - ein Jahrhundertleben“ schrieb. Germaine Tillion wurde 101 Jahre alt.
Tzvetan Todorov wählte die zum Teil unveröffentlichten Texte aus und verfasste das ausführliche Nachwort „Germaine Tillion oder die Leidenschaft des Verstehen-Wollens“, in dem er darlegt, wie und warum er die Texte aus dem umfangreichen Nachlass aussuchte.

Das Buch
Das Buch ist in fünf große Kapitel eingeteilt und Phasen, die das Leben von Germaine Tillion besonders prägten. Jedes dieser Kapitel beginnt mit einem Bild der Ethnologin und einer biographischen Einleitung. Es folgen persönliche Texte, die in Ich-Form erzählt werden.

Als Ethnologin in Algerien
Von 1934 bis 1940 verbringt Germaine Tillion mehrere Jahre in Algerien, damals noch französische Kolonie, und studiert das Leben der Chaoui-Berber im Aurès-Gebirge im Osten des Landes. Sie lebte als beobachtende Wissenschaftlerin mit den Familien. Nachdem diese Vertrauen zu ihr fassten, wurde sie um Rat gebeten und bei Streitigkeiten als Schlichterin hinzugerufen.

Widerstand in Paris und Gefangennahme (1940 - 1943)
Nach ihrer Rückkehr in das besetzte Paris im Jahr 1940 war Germaine Tillion überrascht von der Situation vor Ort. Wegen ihrer Arbeiten und der Entfernungen im Aurès hatte sie keine Muße etliche Kilometer bis zu einem Radio durch die raue Bergwelt zu wandern und so war der Schock groß.
Zwischen 1940 und 1943 organisierte sie, wie im zweiten Kapitel beschrieben, ohne lange zu überlegen den Widerstand. Eine andere Lösung kam für sie nicht in Frage. Sie und ihre Kollegen bildeten die „Widerstandsgruppe des Musée de L’Homme“ in Paris, um Kriegsgefangenen zur Flucht zu verhelfen und Informationen in die befreiten Zonen nach England zu senden, bis sie selbst Opfer eines Verrats wurde. Zuerst war Germaine Tillion im Gefängnis, wo sie sogar ihre Schreibarbeiten aufnehmen und ihre Dissertation fast beenden konnte.

Leben und Sterben im KZ-Ravensbrück
Im dritten Kapitel schildert Germaine Tillion das Leben und Sterben im KZ-Ravensbrück, wohin sie und später ihre Mutter deportiert wurden. Sie beschreibt ihre Ankunft, die Einteilung in Gruppen und das Tragen von Lumpen mit roten (politische Gefangene), grünen (Kriminelle), violetten (Zeugen Jehovas) und schwarzen Dreiecken für „Asoziale“ und weitere Erinnerungen aus dem „kleinen Krankenzimmer der Diphterie-Patientinnen“, da sie selbst daran erkrankt war und die sie als „allererste Erfahrungen“ hervorhebt. Sie schreibt, dass in diesem Krankenzimmer ein Jahr später „dutzendweise Kranke vorsätzlich vergiftet“, in den Jahren vorher „tödliche Spritzen mit Öl oder Evipan“ verabreicht, andere „vor den Augen ihrer Gefährtinnen im Nachthemd aus dem Bett gezogen und auf die andere Seite der Mauer geschleift wurden, wo sich die Krematorien befanden“. Sie hebt aber auch die Solidarität unter den Frauen hervor. Sie selbst gehörte zur Gruppe der „Verfügbaren“, wurde zu Erdarbeiten eingeteilt und verstand es sich zu verstecken. Die „Nacht-und-Nebel“-Häftlinge, zu denen Germain Tillion gehörte, wurden nach Verhandlungen vom schwedischen Roten Kreuz am 23. April 1945 befreit. Dazu schreibt sie: „Dass ich überlebt habe, verdanke ich ganz gewiss vor allem dem Zufall, sodann der Wut, dem Wunsch, die Verbrechen ans Licht zu bringen und nicht zuletzt der Solidarität meiner Freunde“.

Nach dem Krieg
Die Verbrechen ans Licht zu bringen, dafür setzte sich Germaine Tillion nach ihrer Befreiung vor allem ein, zuerst bei Gerichtsprozessen gegen das Wachpersonal in Ravensbrück, später in Algerien, während des Befreiungskrieges der Algerier gegen die französische Kolonialmacht, der gerade begonnen hatte. Sie beschreibt die Abläufe der Prozesse, an denen sie als Beobachterin teilnahm und die Aufseher wiedersah. Dabei empfand sie ein „dumpfes Gefühl“ und fragte sich, ob es Hass oder auch eine Spur Mitleid war.

Wieder in Algerien
Im letzten Kapitel versuchte Germaine Tillion während ihrer Algerienaufenthalte zwischen 1954 und 1957 beide Seiten davon zu überzeugen, dass Folter und Hinrichtungen nur Bombenattentate als Reaktion darauf nach sich ziehen würden. Die ihr damals unbekannten Kämpfer der Befreiungsfront FLN gingen auf ihren Vorschlag ein, die Attentate einzustellen, aber auf der französischen Seite gingen die Folter und Hinrichtungen weiter.  

Ein Jahrhundertleben
In den einhundert Lebensjahren der Forscherin Germaine Tillion passieren zwei Weltkriege und der Unabhängigkeitskrieg Algeriens. Sie erleidet den zweiten Weltkrieg als KZ-Häftling und hat danach noch die Stärke, sich für die Algerier und gegen ihre Verelendung einzusetzen. Im Konzentrationslager überlebt sie so gut es geht und kann ihre schlimme Situation sogar noch in eine Operette verpacken, die 2007 uraufgeführt wird. Sie schreibt mehrere Bücher, hält Vorträge und engagiert sich für Abschaffung der Folter in Algerien und 2004 im Irak, und setzt sich für die Emanzipation der Frauen im Mittelmeerraum ein.


Fazit:
Ein sehr beeindruckendes und bewegendes Buch, das zum Nachdenken anregt. Der Herausgeber Tzvetan Todorov hat die Schriften sortiert und unveröffentlichte Texte so zusammengestellt, dass man die „Fragmente des Lebens“, wie der Titel des französischen Originals lautet, gut lesen kann. Im Anhang werden hauptsächlich die Personen beschrieben, mit denen Germaine Tillion zu tun hatte. 
Sicherlich haben nur wenige Menschen in ihrem Leben diese extremsten Erfahrungen erlitten und sind nicht daran zerbrochen,  sondern haben den Mut aufgebracht und sich weiter für andere Menschen eingesetzt. Sehr empfehlenswert, gerade in der heutigen Zeit.


Termine zum Gedenken an Germaine Tillion
Ganz zu Recht werden die sterblichen Überreste Germaine Tillions am kommenden Mittwoch, 
den 27. Mai 2015 in das Panthéon in Paris zu den „Großen Persönlichkeiten der Nation“ überführt, der 2013 als "Journée nationale de la Résistance", als in Frankreich landesweiter staatlicher Gedenktag, festgelegt wurde.


Am Dienstag, 6. Oktober 2015  findet in Berlin eine Veranstaltung statt, bei der Prof. Dr. Mechthild Gilzmer das Buch „D’une Algérie à l’autre“ von Germaine Tillion vorstellt.
Ort: Stiftung Topographie des Terrors Berlin, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin. 18 Uhr


NEUERSCHEINUNG Germaine Tillion - Die gestohlene Unschuld

Germaine Tillion
GERMAINE  TILLION

DIE  GESTOHLENE  UNSCHULD 
Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie

Germaine Tillion (1907–2008) ist eine der bedeutendsten intellektuellen Persönlichkeiten Frankreichs, die maßgeblich an zentralen Ereignissen der deutsch-französischen und der franko-algerischen Geschichte im 20. Jahrhundert beteiligt war. Höhepunkt ihrer Ehrungen wird ihre Überführung am 27. Mai 2015 ins Panthéon sein, dem Tempel für die »Großen der Nation«.

»Die gestohlene Unschuld« versammelt erstmals zentrale Texte von Germaine Tillion, die aus den verschiedenen Phasen ihres Lebens stammen: über ihre Arbeit als Ethnologin in Algerien zwischen 1934 und 1940, über Widerstand, Gefängnisaufenthalt und Deportation, über ihr Engagement in Frankreich nach 1945, über ihre Rückkehr nach Algerien in den 1950er Jahren. (Verlagstext)

Übersetzt, herausgegeben und mit einem einführenden Essay von Mechthild Gilzmer
Ausgewählt und mit einem Nachwort von Tzvetan Todorov


Germain Tillion
Die gestohlene Unschuld
Hardcover mit schwarz-weiß-Bildern
336 Seiten
1. Auflage 2015
Euro 22,00  Buch kaufen

Sonntag, 17. Mai 2015

Internationaler Tourismus - Rezension

Internationaler Tourismus

Rezension


Prof. Dr. ALBRECHT  STEINECKE

INTERNATIONALER  TOURISMUS
Lehrbuch für Studierende und Praktiker

Jahr für Jahr sind Millionen Bundesbürger als Touristen unterwegs und der Urlaub steht an erster Stelle der „Konsumprioritäten“. 7% der Beschäftigten in Deutschland arbeiten im Tourismus. Die frei verfügbare Zeit, die sich durch Teilung von Arbeitszeit und Freizeit ergibt, wird zum Reisen genutzt.
Mit der einsetzenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert und dem Bau von Eisenbahnen konnten weiter entfernte Städte oder „Bade“-Plätze schneller erreicht werden als mit der Kutsche. Die Geschichte des Tourismus beginnt.

Wer sich für einen Berufsweg im Tourismus entscheidet, ob als Reiseveranstalter, im Reisebüro oder im Tourismusstudium, sollte sich einen Überblick über die verschiedensten Komponenten des Tourismus verschaffen. Dafür ist dieses Buch gut geeignet. Der langjährige Geschäftsführer des Europäischen Tourismus Instituts, Prof. Dr. Dr. h.c. Albrecht Steinecke, bringt seine Erfahrungen an in- und ausländischen Universitäten in diesem Buch ein, das sich in fünf verschiedenen Kapiteln dem Internationalen Tourismus widmet.

Tourismus - die globale Leitindustrie des 21. Jahrhunderts

Im ersten Kapitel wird Tourismus definiert. Die „globale Leitindustrie des 21. Jahrhunderts“ ist ein Massenphänomen geworden, das alle Länder erfasst. Der internationale Tourismus verzeichnete im Jahr 2013 ein Volumen von 1087 Milliarden Ankünften. Das diese enorme Mobilität nicht nur Vorteile mit sich bringt, ist eine weitere Herausforderung für die am Tourismus Beteiligten.
Die Welttourismusorganisation (UNWTO) definiert den Begriff Tourismus und dazu gehören nicht nur Urlaubsreisen, sondern auch Geschäftsreisen, Pilgerreisen und Verwandtenbesuche.

Die Motoren des touristischen Wachstums

Das zweite Kapitel beschreibt den Beginn des Tourismus mit der Industrialisierung und dem wachsenden Wohlstand, der zu stärkerer Mobilität führt und immer weiter entferntere Ziele erreichbar werden lässt. Sogenannte Push-Faktoren wie Freizeit und weltweite Kommunikation und Pull-Faktoren wie Aufhebung von Reisebeschränkungen und kulturelle Attraktionen in den bereisten Ländern spielen eine wichtige Rolle im Internationalen Tourismus.
Dass einsetzender Tourismus im bereisten Land nicht nur Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze bringt, zeigt der Exkurs „Die Hemmnisse des Wachstums“, gerade, wenn plötzliche Naturkatastrophen oder andere Gründe die  Einnahmen aus dem Tourismus gefährden.

Globale Akteure und Schauplätze des internationalen Tourismus

Im dritten Kapitel wird auf die „Akteure im internationalen Tourismus“ eingegangen, vornehmlich auf Luftverkehrsgesellschaften, Hotelketten, Unternehmen der Freizeit-, Unterhaltungs-, Kulturindustrie und Globale Organisationen und Initiativen.
Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den „Schauplätzen des internationalen Tourismus“, den Reisezielen. Dabei werden als Beispiele die Mittelmeerländer, aber auch die Entwicklungsländer berücksichtigt und die Folgen des Tourismus aufgezeigt. Am Beispiel Chinas und Indiens werden zwei Länder mit einem enormen Potential an Reisenden beschrieben, die sich in Zukunft auf den Weg machen und Europa zu einer Tourismusdestination werden lassen, die zuvor vor allem Outgoing-Tourismus „produzierte“.

Die Zukunft des internationalen Tourismus

Das fünfte Kapitel widmet sich der „Zukunft des internationalen Tourismus“ und den Prognosen zu zukünftigen Entwicklungen im Reiseverkehr. Weitere Herausforderungen sind der Schutz der Natur und Kultur, zunehmende Aufgaben im Krisenmanagement und im Wettbewerb der Reiseziele, Wahrung der Menschenrechte und das betrifft alle, die im Tourismus arbeiten.


In allen Kapiteln werden zu Beginn die Lernziele angegeben, eine Zusammenfassung, weiterführende Lesetipps und Literaturhinweise beenden die Kapitel. Statistiken, vergleichende Tabellen und einige Schwarz-weiß-Bilder veranschaulichen die Zahlen und Beschreibungen. Das umfangreiche Literaturverzeichnis führt weitere Bücher zur Vertiefung des Themas und Internetseiten zu Organisationen, Zeitungsartikel und Beiträgen an. Praktische Beispiele und eine gut zu lesende Schrift runden das übersichtliche Buch ab.

Autor:
Prof. Dr. Dr. h.c. Albrecht Steinecke war Hochschullehrer an der Universität Paderborn. Er lehrte an deutschen und internationalen Universitäten. Seine Arbeitserfahrungen fasste er in mehrere Bücher zum Thema Tourismus zusammen. Erschienen sind unter anderem Kulturtourismus (2007), Themenwelten im Tourismus (2009), Populäre Irrtümer über Reisen und Tourismus (2010) und Destinationsmanagement (2013).

Fazit:
Wer im Tourismus einen Beruf ergreifen möchte, kann sich mit diesem Lehrbuch von verschiedenen Seiten einen Eindruck verschaffen, von der Seite des Reisenden, des Anbieters oder aus der Sicht des bereisten Landes mit seinen positiven und negativen Folgen. Auch bereits im Tourismus tätige Menschen finden sicher den einen oder anderen informativen und weiterführenden Beitrag in diesem Buch.  
Dieses empfehlenswerte Lehrbuch bietet einen sehr interessanten Überblick über den aktuellen Zustand des Internationalen Tourismus und seine Aussichten für die Zukunft. Es wurde 2015 vom BuchAward der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin ausgezeichnet.

B.Agada (Touristikmanagerin)

Donnerstag, 7. Mai 2015

NEUERSCHEINUNG Augustinus

Zabern

Neuerscheinung

KLAUS  ROSEN

AUGUSTINUS -  Genie und Heiliger

Augustinus (354–430) ist nicht nur einer der vier spätantiken Kirchenlehrer, sondern auch einer der bedeutendsten Philosophen an der Schwelle zwischen Antike und Mittelalter.

Seine von der Platonischen Philosophie beeinflussten Werke sind noch immer umstritten und gleichzeitig hoch aktuell. Kein geringerer als der emeritierte Papst Benedikt XVI. nutzt Augustinus' Ideenwelt als Inspiration für seine eigenen Werke. In dieser Biographie stellt Klaus Rosen Augustinus jedoch erstmals als historische und nicht als theologische oder philosophische Persönlichkeit in den Vordergrund. Er stellt anschaulich dar, welche historischen Begebenheiten das Handeln und Denken des Augustinus prägten. Indem er den Einfluss der antiken Gesellschaft, der Religionsgesetzte, Augustinus’ Auseinandersetzung mit dem Arianismus oder die Auswirkungen der Eroberung seines Bischofssitzes durch die Vandalen zeigt, fügt Rosen unserem Augustinus-Bild zahlreiche neue Aspekte hinzu. (Verlagstext)

Autor
Klaus Rosen, 1937 geboren,  war bis zu seiner Emeritierung Professor für Alte Geschichte an der Universität Bonn.

Klaus Rosen
Augustinus - Genie und Heiliger
Gebunden mit Schutzumschlag
240 Seiten und 10 schwarz-weiß-Abbildungen
Format 14,5 x 22 cm
1.Auflage 2015
Euro 29,95   Buch kaufen

NEUERSCHEINUNG ERICA DE BARY - Eine Biographie

Horlemann

ALMUT  SEILER - DIETRICH 

ERICA  DE  BARY
"Hinter dem Seidenhimmel spannt sich die flockige Nacht wie Zunder"

Erica de Bary (1907– 2007) hatte von Kindheit an zwei Leidenschaften: Literatur und Reisen, vor allem nach Afrika, wo sie menschliche Begegnungen und kulturelle Entdeckungen suchte, die ihr das »alte Europa« nicht bieten konnte. In den dreißiger Jahren schon reiste sie mit ihrem Mann Herbert de Bary mehrere Wochen durch Spanien, nach Skandinavien, Russland und auf den Balkan. Während des Krieges lebte sie in Paris als Mitarbeiterin der »Pariser Zeitung«, verkehrte in Dichterkreisen, wo sie als »Muse« galt. Dort lernte sie auch afrikanische Politiker kennen, die später hohe Posten in ihren Ländern bekleideten, insbesondere Léopold Sédar Senghor und Jacques Rabemananjara, mit denen sie lebenslange Freundschaften pflegte. Nach dem Krieg vermittelte sie französische Kunst nach Frankfurt am Main, wo sie seit ihrer Heirat zu Hause war. Von 1952 bis 1981 unternahm sie fast jährlich ausgedehnte Reisen in verschiedene afrikanische Länder, bis nach Madagaskar. Mit poetischen Impressionen und kritischen Texten begleitete sie die Entkolonialisierung und den Aufbau der jungen afrikanischen Staaten. Als Autodidaktin, ohne den Hintergrund akademischer Institutionen, verwirklichte sie ihre intellektuellen Träume und lebte ihre Leidenschaften mit Mut und Beharrlichkeit bis ins hohe Alter.

Auszug aus dem Buch:
Die erste Begegnung mit der Sahara 1952 in Marokko war prägend gewesen. Auch wenn Erica später noch ein Dutzend afrikanische Länder mit den unterschiedlichsten Landschaften bereiste: die Wüste blieb ihre Leidenschaft. Die Wüste erfüllte alle Erwartungen. Sie war das Urbild der Erde, und die Oasen darin Horte archaischer Lebensformen, die das Ehepaar aus Deutschland teilte, so weit die Gastgeber es zuließen. So wurden sie über Jahrzehnte hinweg Zeugen des Wandels, den auch diese nur scheinbar unwandelbaren Gesellschaften durchmachten.

Autorin
Almut Seiler-Dietrich wurde 1947 geboren und wuchs in Weilburg an der Lahn auf. Von 1961 bis 1963 lebte sie mit ihrem Vater, der für die Unesco tätig war, in Léopoldville (Kinshasa), Republik Kongo, wo sie das Gymnasium der Herz-Jesu-Schwestern besuchte.
Das Studium der Romanistik und Slavistik in Gießen, Freiburg und Heidelberg schloss sie 1970 mit einer Examensarbeit über „neoafrikanische Dichtung“ ab. Danach war sie Mitarbeiterin von Janheinz Jahn bis zu dessen Tod 1973.  1974 legte sie das zweite Staatsexamen ab und arbeitete seitdem als Gymnasiallehrerin für Französisch, Russisch und Spanisch. 1975-76 lehrte sie im Auftrag des UNDP Französisch an der Ecole Nationale d’Administration in Niamey, Niger. Zahlreiche Reisen, die längste zehn Wochen lang, führten sie in die verschiedensten afrikanischen Länder. 2004 wurde sie mit einer Monographie über den madagassischen Dichter Jean-Joseph Rabearivelo Promotion von der Goethe-Universität, Frankfurt am Main, zum Dr. phil. promoviert. Sie hat Lehraufträge an den Universitäten Mainz und Frankfurt wahrgenommen und in zahlreichen Institutionen Vorträge gehalten.
Seit 1971 hat sie ca. 120 Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und größere Aufsätze in Sammelbänden veröffentlicht und 40 Skripte für Rundfunksendungen geschrieben.
 Sie publizierte mehrere Bücher zum Thema „Afrikanische Literatur“ in französischen und deutschen Verlagen. Webseite: www.afrika-interpretieren.de
(Verlagstext)

Almut Seiler-Dietrich
Erica de Bary - Eine Biographie
Hardcover mit Schutzumschlag
344 Seiten mit zahlreichen schwarz-weiß-Fotos
1.Auflage 2015
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Rezension - Der Kampf ums Paradies

Philipp von Zabern

Rezension

Paul M. Cobb

Der Kampf ums Paradies   
Eine islamische Geschichte der Kreuzzüge

Die Geschichte der Kreuzzüge ist ein beliebtes Thema, das, ob in Filmen oder Büchern, immer wieder gern aufgegriffen wird. Sogar in der heutigen Zeit wird das „mittelalterliche“ Wort Kreuzzug von amerikanischen Präsidenten in den Mund genommen, um ein Land des Nahen Ostens zu zerstören.

Nun erschien ein Buch des amerikanischen Islamwissenschaftlers Paul M. Cobb, der sich als Nichtmuslim an das Thema herangewagt hat, um eine „islamische“ Geschichte der Kreuzzüge zu beschreiben und er bezieht sich auf „Studien von Menschen, die in der islamischen Welt lebten,… in Gegenden, deren herrschende Elite und … Mehrheit der Bevölkerung aus Muslimen bestanden.“

Europa aus islamischer Sicht

Als Einstieg in das Thema beschreibt er das Bild Europas aus dem Blickwinkel von Harun ibn Yahia, der im 9. Jh. als Gefangener in Konstantinopel die Freiheit erlangte und bis nach Rom reiste, und des Geographen Abu Ubayd al-Bakri, der 1070 Rom besuchte und ähnliche Erfahrungen in seinen Beschreibungen wiedergab, als er in seine Heimat al-Andaluz zurückkehrte und Vergleiche zwischen dem Christentum und dem Islam der damaligen Zeit anstellte, die selbstverständlich zu Gunsten des Islam ausfielen. Der Geograph Ibn Khurradadhbih aus Persien hatte kaufmännische Interessen, für ihn waren Handelsgüter aus Europa wichtig. Und wieder ein anderer muslimischer Historiker bezeichnete die Franken als „fernste aller Feinde von Al-Andaluz“, arabisch Ifrandsch oder Firandsch, ein Ausdruck der später für alle Kreuzfahrer stand.

Christen im Haus des Islam

Schon zu Beginn der islamischen Zeitrechnung waren die Bewohner Syriens, Persiens und der arabischen Halbinsel mit Griechen, Römern, Christen vertraut. Als sich der Islam ausbreitete, hatten die Christen als Bekenner der Buchreligion einen Sonderstatus, lebten als „geschützte Minderheit“ und waren kaum eine Bedrohung für das Haus des Islam. Das änderte sich erst, als Muslime und Christen zu späteren Zeiten aufeinander trafen.

Am Vorabend der Kreuzzüge

Daraufhin beschreibt der Autor die verschiedensten Ereignisse, sei es die Eroberung Siziliens durch die Normannen, den Aufstieg der Fatimiden, die ersten Rückeroberungsversuche der nordspanischen Könige um die zersplitterten Taifakönigreiche in Al-Andaluz und die Entwicklung in Anatolien, in dem sich das Turkvolk der Seldschuken und andere turkmenische Nomaden ausgebreitet hatten und 1071 bei der Schlacht von Manzikert der byzantinische Kaiser gefangen genommen wurde. Ebenso klagten zurückkehrende Pilger von Belästigungen durch die türkischen Seldschuken, die gerade erst zum Islam übergetreten waren und es an der „arabischen Gastlichkeit“ fehlen ließen.
Als der byzantinische Kaiser Alexios I. Papst Urban II. um Hilfe gegen die „türkische Bedrohung“ bat, begannen die bekannten Kreuzzüge, die 1099 mit der Einnahme Jerusalems ihren Höhepunkt erreichten.

Die Kreuzzüge und ihre Akteure

Die folgenden Kapitel beschreiben die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen und Personen von Alp Arslan bis Saladin und seine Nachfolger, zwischen Muslimen und Christen. Dabei kam es zu ständigen Wechseln der Machtverhältnisse im Nahen Osten und an der Levanteküste, die der Autor manchmal verwirrend detailreich und präzise schildert. Franken kämpften gegen Herrscher der Stadtstaaten Antiochia, Edessa oder Aleppo, diese wiederum sahen die Eindringlinge zunächst nicht als Eroberer an. Später einigte man sich sogar teilweise mit den Franken, um unliebsame muslimische Kontrahenten zu überfallen.
Geschehnisse in Nordafrika und Andalusien, die meistens nicht als Kreuzzüge sondern als Teil der Geschichte der islamischen Welt beschreiben werden, finden Eingang in Cobbs Buch.

Islamische Geschichte nach den Kreuzzügen

Für viele westliche Historiker ist 1291 mit dem Fall von Akkon, der letzten Kreuzfahrerbastion, die Epoche der Kreuzzüge beendet. Für muslimische Chronisten waren die Konfrontationen an den Grenzen im Osten viel bedeutsamer, die Kreuzzüge der Christen blieben eine Episode in der islamischen Geschichte, da sie die für den Islam wichtigen Orte wie Mekka oder Medina nicht bedrohten. Sie hinterließen kaum Eindruck auf die zivilisierte islamische Welt. Franken blieben auf Zypern und überfielen Ägypten und die  mongolischen Il-Khane drangen auf syrisches Gebiet vor. Ein Höhepunkt der türkischen Ausbreitung war 1453 die Einnahme von Konstantinopel, dem heutigen Istanbul.  

Autor:
Paul M. Cobb wurde 1967 in den USA geboren und ist Professor für Islamische Geschichte an der Universität Pennsylvania mit Schwerpunkt Geschichte der Kreuzzüge.  

Fazit:
Bevor man in die „Geschichte“ einsteigt, ist es ratsam, den Epilog zu lesen, um zu verstehen, was der Islamwissenschaftler eigentlich vermitteln will. Auf die im Klappentext gestellte Frage, ob die Kreuzzüge bis heute im Zusammenprall der Kulturen nachwirken, gibt er am Ende zur Antwort, dass die islamische Geschichtsschreibung die „weitverbreitete moderne Darstellung der Kreuzzüge als Geburtsstunde eines angeblich epochalen Zusammenpralls zwischen Islam und Christentum“ auch nicht erklären kann.
Im Prolog geht der Autor auf die symbolische Bedeutung Salah ad-Dins als Kämpfer für den Glauben ein, der im Westen als Saladin bekannt ist und eine ebenso große Bedeutung hat. Er betont, dass sein Buch „so gut wie gänzlich“ auf „islamische Originalquellen“ basiert und „die Ereignisse aus Sicht der mittelalterlichen Muslime selbst“ erzählt werden.
Schade, dass er nicht direkt in den Text schreibt aus welcher islamischen Quelle er zitiert und wo welcher westliche Kollege zu Wort kommt. Zu den arabischen und islamischen bekannten Quellen, aus denen Paul M. Cobb schöpft, kommen keine neuen islamischen Quellen hinzu, sondern er füllt sein Buch mit Ansichten westlicher Kollegen, die ebenfalls die bekannten Quellen zitieren. Wo ist also der „neue“ Ansatz, die „neue Seite der Kreuzzugsgeschichte“, wie es der Klappentext verspricht?

Obwohl der Autor das Buch „Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht“ von 1973 kritisiert, schreibt er fast wörtlich davon ab und übernimmt ganze Abschnitte des italienischen Übersetzers und Herausgebers Francesco Gabrieli. Er kritisiert, dass dieser vom Arabischen ins Italienische übersetzte Text nochmals ins Deutsche bzw. Englische, also zweimal übersetzt wurde. Zugleich bemerkt er auf Seite 11 seines Buches, dass „die Fülle an Material fast unerschöpflich ist“ und bisher kaum „als Grundlage einer eigenen Geschichte dienten“, weil „viele Forscher nicht in der Lage waren, das Material zu entschlüsseln“. Da stellt sich die Frage, warum er als Professor für islamische Geschichte mit Schwerpunkt Kreuzzüge nicht „aus dieser Fülle an Material“ zitiert, sondern aus den bekannten Quellen? Oder verstärkt auf die Beiträge seiner ägyptischen oder syrischen Kollegen zurückgreift, die er als Koryphäen auf diesem Gebiet herausstellt, sondern auf europäische oder amerikanische? Zugleich beantwortet er diese Frage mit „letztlich alles eine Frage der Perspektive“. (S. 12)
Hierbei vergaß er seinen amerikanisch-afghanischen Kollegen  Tamim Ansary, der das äußerst interessante Buch „Die unbekannte Mitte der Welt“ 2010 schrieb und ebenfalls aus islamischer Sicht das Thema Kreuzzüge darin aufschlussreich schilderte.

Zusammengefasst kann man sagen, dass dieses umfangreiche Buch interessant ist, für Leser, die sich vorher noch nicht über die Kreuzzüge aus islamischer Sicht informiert haben.


Mittwoch, 29. April 2015

Rezension - Der Islam, der uns Angst macht

Tahar Ben Jelloun

Der Islam, der uns Angst macht      Rezension

Tahar Ben Jelloun

In seinem neuesten Buch setzt sich Tahar Ben Jelloun, der marokkanische Schriftsteller, einmal mehr mit der Frage auseinander, wie man „den Islam“ am besten erklärt oder darüber aufklärt.

Sieben Worte
Den Text des ersten Teils „Sieben Worte“ schrieb er kurz nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Zu den sieben Worten Freiheit, Wut, Islam, ein Lächeln, Rache, Unwissenheit, Wiederstand schreibt er seine Gedanken auf, die in der Französischen Zeitung Le1 erschienen.
In den 1970er Jahren verließ Tahar Ben Jelloun seine Heimat Marokko, der Freiheit willen, die er in Frankreich glaubte gefunden zu haben, bis jetzt. Nun wird seine Freiheit der Sicherheit unterworfen und als Nordafrikaner in Frankreich hat er es nicht leicht. Immer begleiten ihn Fragen und Gedanken zum Islam.

Fragen zum Islam
Im zweiten Teil beantwortet er in einem fiktiven Gespräch die Fragen seiner Tochter. „Muss man Angst haben vor dem Islam ? - „Von welchem Islam redest Du ?“, fragt er zurück. Und darum geht es bei allen Diskussionen. Es gibt verschiedene Auslegungen der religiösen Texte, genauso wie es unterschiedliche Ansichten im Christentum gibt.
Sehr interessant sind seine Antworten auf die folgenden Fragen: „Wie wird man zum Djihadisten?“, „Was wissen sie über den Islam?“, „Ist der Islam gewaltsam?“, „Kann ich als Mädchen muslimischer Kultur…Witze über die Religion machen?“, „…Ist der Islam…möglich in einer laizistischen Demokratie wie der Frankreichs?“ oder „Wann wird endlich Schluss sein mit der sogenannten Islamophobie?“.

Im Zeichen des Bösen
In diesem Kapitel denkt sich der Autor in die Person von Mohamed Merah, der 2012 sieben Menschen das Leben nahm. Er beschreibt den Werdegang des jungen Mannes, der sich zwar sehr bemüht und versucht, es allen recht zu machen, aber bald feststellen muss, dass die Franzosen ihn nicht richtig akzeptieren. Er will nicht auffallen, befolgt den Ramadan, will ein guter Muslim sein, aber trotzdem läuft es nicht so, wie er sich sein Leben vorstellt und rutscht ab. Er fühlt sich gedemütigt, missverstanden.

Frankreich hat Angst vor den zurückkehrenden Djihadisten, doch wie kann man verhindern, dass Jugendliche dem „Abenteuer Djihad“ erliegen und sie den Werbern entreißen? Der Autor versucht auch auf diese Frage zu antworten.

Islamischer Staat
Das nächste Kapitel dreht sich um den Islamischen Staat. Am Anfang dieses Kapitels steht Georg W. Bush, der in den Irak einmarschiert ist und die reguläre irakische Armee aufgelöst hat, aus dessen Überbleibseln sich der IS entwickelt hat, finanziert von den Golfstaaten und Saudi-Arabien. Tahar Ben Jelloun beleuchtet die Geschichte der Entstehung des IS, die bereits 1966, lange vor al-Baghdadi begann und durch den Krieg in Syrien den „Durchbruch“ schafft. Was Russland und Europa damit zu tun haben liest sich wie ein Krimi.

Arabischer Frühling
Im Kapitel „Der Arabische Frühling“ zieht der Autor eine durchwachsene Bilanz. Während Tunesien sich zunehmend stabilisiert, von einzelnen Rückschlägen abgesehen, steht Libyen vor einem Scherbenhaufen und Ägypten ist zur Militärdiktatur zurückgekehrt. In Marokko hat der weitsichtige König rechtzeitig Reformen eingeleitet und Algerien hat diese ganzen Ereignisse bereits hinter sich und in den 1990er Jahren schmerzliche Erfahrungen gemacht. Die geplante Tragödie in Syrien geht weiter.

Widerstand
Im letzten Kapitel geht Tahar Ben Jelloun auf die neuesten Anschläge in Paris und Kopenhagen ein.
Am Beispiel Dänemark zeigt er auf, dass dort Demokratie und „absolute Freiheit“ des Einzelnen gelebt wird und arabische Muslime diese Freiheit des Einzelnen nicht kennen und verstehen, weil bei ihnen die Gesamtheit der Umma, der Klan, die Gruppe zählt, aber nicht das eigenverantwortliche Individuum. Er fordert zum Widerstand gegen den Islamismus auf.


Autor
Tahar Ben Jelloun, geb. 1944 in Fès (Nordmarokko), lebt seit den 1970er Jahren in Paris. Er gilt als bedeutendster Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb.


Fazit:
Tahar Ben Jelloun beleuchtet die aktuelle Situation in Europa, nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo in Paris und auf das Kulturzentrum in Kopenhagen. Er macht sich Gedanken, wie man die verschiedenen Auslegungen des Islam erklären kann und was man heute gegen die Bedrohung von islamistischen Gruppen machen kann.
Das Buch ist unterhaltsam geschrieben durch das gedankliche Zwiegespräch mit der Tochter und regt zum Nachdenken an. Auf jeden Fall empfehlenswert.


Sonntag, 26. April 2015

Kusch, Meroe, Nubien, Sudan - Bildband zur kuschitisch-meroitischen Geschichte

Kusch, Meroe, Nubien, Sudan

RUDOLF  FISCHER

KUSCH, MEROE, NUBIEN, SUDAN
- Bilder zur wichtigsten alten Süd-Nord-Handelsroute im Innern Ostafrikas

Das neue Buch enthält zahlreiche unveröffentlichte Bilder zur kuschitisch-meroitischen Geschichte und zusätzlich viele fundierte Hinweise zur faszinierenden, bei uns beinahe unbekannten christlichen Zeit Nubiens sowie zur nachfolgenden islamischen Epoche, die dem modernen Staat Sudan zu seinem heutigen Gepräge verhalf: Landschaftsbilder, Nubier, die tanzenden Derwische von Omdurman, Fresken aus der Kathedrale von Faras, Kirchen und Klöster, ägyptische Tempel in der subsaharischen Savanne und vieles mehr.  

Die dunkelhäutigen Könige von Kusch und Meroe beherrschten mehr als 1000 Jahre lang das Niltal von Assuan bis hinauf nach Khartum, knapp 100 Jahre lang sogar bis zum Mittelmeer. Grundlage ihres Reichtums war der Handel mit Rohstoffen und Luxusprodukten Innerafrikas. Die Kuschiten führten im Süden der Sahara die ägyptische Kultur weiter, die sie aber allmählich mit eigenen Elementen zu bereichern vermochten. Sie hinterliessen neben vielen Tempeln und zahllosen handwerklichen Zeugnissen eine unvorstellbar grosse Anzahl Pyramiden.

Das neue Buch ist eine Ergänzung zum grundlegenden, jüngst neu aufgelegten Werk „Die schwarzen Pharaonen von Kusch und Meroe - Tausend Jahre Geschichte und Kunst der ersten sudanischen Hochkultur“.   (Verlagstext)

Rudolf Fischer
KUSCH, MEROE, NUBIEN, SUDAN
76 Seiten
189 farbige Abbildungen
Format 30 x 21 cm
Euro 28,- (zuzüglich Versand aus der Schweiz)   Buch kaufen 
Edition Piscator

Mittwoch, 22. April 2015

NEUAUFLAGE: ALGERIEN Reiseführer

Algerien Reiseführer
NEUAUFLAGE

BIRGIT  AGADA

ALGERIEN - Kultur und Natur zwischen Mittelmeer und Sahara

Algerien ist ein Land mit alter wechselvoller Geschichte, geprägt von den Einflüssen afrikanischer, orientalischer und mediterraner Kulturen, ein Schmelztiegel vieler Völker.
Die lange Mittelmeerküste mit Sandstränden und verträumten Buchten lädt zum Baden ein und lockt mit antiken Ausgrabungen. Algier und Oran sind die beiden Metropolen des Landes, die neben lebendiger Hafenatmosphäre einen Einblick in die reiche Kultur Algeriens bieten. Die Ruinen von Tipaza, Timgad und Djemila entführen in die Zeit der Phönizier und Römer. Im Süden des Landes beeindrucken Oasenlandschaften und die Schönheiten der Sahara jeden Besucher. Bei Expeditionen und Kameltrekking kann man die Kultur der legendären Tuareg und die Faszination der Wüste kennenlernen.

Der soeben in 2., aktualisierter und erweiterter Auflage erschienene Reiseführer aus dem Berliner Trescher Verlag informiert umfassend über die Vergangenheit und die Gegenwart des Landes und gibt einen Einblick in Alltag und Lebensweise seiner Bewohner. Hinweise zur aktuellen politischen
Situation und zur Sicherheitslage im Land helfen bei der Planung und Durchführung einer Algerien-Reise. Die ausführlichen Reiseinformationen führen den Urlauber zu Erholungsorten, den Historiker zu geschichtlich interessanten Plätzen, den Naturliebhaber und Wüstenfreund durch die Weite
der Sahara.

-Alle Regionen zwischen Algier und Tamanrasset
-Die wichtigsten Reiseinformationen im Überblick
-Fundierte Hintergrundinformationen zu Geschichte und Kultur
-Ausführliche Reisetipps von A bis Z
 (Verlagstext)

Autorin:
Birgit Agada leitet seit den 1980er-Jahren Studienreisen in Algerien, Tunesien und Westafrika bis nach Kamerun. Während ihres Aufenthaltes in Südafrika in den 1990er-Jahren lernte die Touristikmanagerin ebenso den Südteil des Kontinents kennen und bereicherte durch Reisen nach Ostafrika (Kenia) ihren Wissensschatz über afrikanische Länder. Algerien und die Saharaländer liegen ihr besonders am Herzen, wobei sie in den letzten Jahren die Maghrebländer, vor allem Algerien, verstärkt bereisen konnte.

Birgit Agada
ALGERIEN-Natur und Kultur zwischen Mittelmeer und Sahara
241 Farbfotos und historische Abbildungen  
21 Stadtpläne und Übersichtskarten, farbige Klappkarten
448 Seiten
2. aktualisierte und erweiterte Auflage 2015
Euro 21,95 Buch kaufen  ab sofort lieferbar



Samstag, 11. April 2015

Rezension: Wer den Wind sät

C.H.Beck
REZENSION


Michael Lüders

Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet.

Wer es nicht schon vorher vermutete, dem werden spätestens nach dieser Lektüre die Augen geöffnet. Michael Lüders spricht endlich aus, was Realität ist: All die Kriege im Nahen und Mittleren Osten und in afrikanischen Ländern werden von den USA und seinen Verbündeten „am Leben gehalten“, von der US-Waffenindustrie endlos fortgeführt, um von inneren Problemen und Krisen abzulenken. Die Waffenindustrie verdient nur zu gut, auch Deutschland, das zum drittgrößten Waffenexporteur aufgestiegen ist. Längst geht es nur vordergründig um den Islam, um Sunniten, Schiiten oder um die Bekämpfung des Islamischen Staats. Diese Argumente werden immer wiederholt, um den Islam als „Feindbild Nummer eins“ im Westen darzustellen. Richtig ist vielmehr, dass man mit Kriegen gutes Geld verdient, vor allem, wenn unbemannte Drohnen zum Einsatz kommen, die keine Amerikaner aber tausende Zivilpersonen zum Opfer haben.
Millionen Syrer, Iraker, Afghanen, Libyer, etc.  flüchten in die Nachbarländer, die diesem Ansturm nicht gewachsen sind und so werden neue Konflikte heraufbeschworen. Oder sie fliehen nach Europa, das amerikahörig wie es ist, den Islam ebenfalls zum Feindbild erklärt hat.

Was hat der Iraner Mossadegh mit den Atomverhandlungen von heute zu tun?
Warum darf Israel unbeschadet 2000 palästinensische Zivilisten in Gaza ermorden?
Warum sind al-Qaida und der Islamische Staat amerikanische „Produkte“?
Auf diese und andere Fragen geht der mutige Journalist Michael Lüders in seinem neuesten Buch ein.

Er beschreibt die Methoden, die die USA fast immer nach demselben Muster anwenden, um Regime zu stürzen, die ihnen nicht „passen“ oder Widerstand leisten. Zuerst wird die „ausgewählte“ Person als „unberechenbar, irre, gerissen, provokant“ dargestellt, mit Hitler verglichen, als Bedrohung für die Demokratie empfunden und als „einen der gefährlichsten Führer, mit denen wir“, d.h. die USA und seine Verbündeten „es je zu tun hatten“ betitelt. Diese Propaganda wurde angewendet, um 1953 den Oppositionsführer Mossadegh im Iran zu stürzen. Dann folgten im selben Stil Saddam Hussein, Muammar al-Ghaddafi, Bashir al-Assad.  Was nach der Zerstörung der Länder und Völker geschieht, interessiert die Amerikaner nicht. Die Aufbauarbeiten, die Not und das Leid der Bevölkerung sind ihnen egal. Für Amerika ist nur wichtig, den Gegner zu zerstören, die Erdölreserven zu sichern und als „Retter der Menschheit“ dazustehen.

Washington und Riadh als Geburtshelfer von Al-Qaida,
Die Amerikaner schaffen die Grundlage für den „Islamischen Staat“,
Wie der Westen vermeidet, aus seinen Fehlern zu lernen,
Was den IS so erfolgreich macht,
Die USA setzen auf Diktatoren und Feudalherrscher,
sind Überschriften der Kapitel, die die aktuelle Politik gerade beschäftigt und Michael Lüders blickt „hinter die Kulissen“.

Ein äußerst wichtiger Beitrag zum Verständnis der aktuellen Lage im Nahen und Mittleren Osten und eine Erhellung und Erklärung der Verwicklungen westlicher, amerikageprägter und orientalischer Politik und Ideologien, die dem Leser unbequeme Wahrheiten enthüllt.

Autor:
Michael Lüders beleuchtet als Nahostkorrespondent und Islamexperte die Entwicklungen im Iran, erklärt Hintergründe über Kriege in Afghanistan, Irak, Kuwait, Syrien, Ägypten und Israel; Länder, die er aus eigener Anschauung kennt und über die er seit langem im deutschen Fernsehen und Zeitungen berichtet und aufklärt.

Fazit
Ein fesselndes Buch, spannender als ein Roman, denn es beschreibt die leider allzu traurige Realität. Unbedingt lesenswert und allen empfohlen, die nicht dem sogenannten „Mainstream“ hinterherlaufen.


Der Islam, der uns Angst macht

Tahar Ben Jelloun
Neuerscheinung
TAHAR  BEN  JELLOUN

DER  ISLAM  DER  UNS  ANGST  MACHT

„Alles, was mit dem Islam zu tun hat, ist zur Tragödie geworden.“

Warum macht der Islam Angst? Beinhaltet er die Saat der Gewalt? Wieso lassen sich Tausende junger Europäer – und nicht nur Einwandererkinder – vom Dschihad vereinnahmen und ziehen für den IS in den Krieg? Welche Gehirnwäsche durchlaufen sie, bevor sie als ferngesteuerte Killer zurückkehren, bereit zu sterben?

Tahar Ben Jelloun nimmt das ganze Bild in den Blick. Er spricht von der Trostlosigkeit einer Vorstadtjugend, die sich von der Gesellschaft verstoßen fühlt. Er versetzt sich in die Köpfe der islamistischen Mörder. Er beschreibt, wie mit dem IS binnen weniger Jahre eine Terrororganisation entstehen konnte, die al-Qaida in den Schatten stellt. Er betont die Verantwortung der Golfstaaten, die den Terror finanzierten, er geht mit den Fehlern des Westens ins Gericht und geißelt die zynische Strategie Putins.

Die große Mehrheit der Muslime lehnt den Islamismus ab. Doch Ben Jelloun macht deutlich: Die Muslime müssen ihre Haltung ändern und einen Islam erfinden, der vereinbar ist mit Demokratie und Rechtsstaat, der den Wert des Individuums anerkennt und die Gleichstellung der Frau. (Verlagstext)

Autor:
Tahar Ben Jelloun, geboren 1944 in Fès (Marokko), lebt in Paris. Er gilt als bedeutendster Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb. 1987 wurde er mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, 2004 mit dem renommierten International IMPAC Dublin Literary Award. Im Jahr 2011 wurde ihm der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis verliehen.

Übersetzt von Christiane Kayser

Tahar Ben Jelloun
Der Islam, der uns Angst macht
Klappenbroschur
128 Seiten
nur Euro 10,-   Buch kaufen
Erscheint am 13.04.2015


Donnerstag, 9. April 2015

Geboren mit Sand in den Augen

Mano Dayak

MANO  DAYAK

GEBOREN  MIT  SAND  IN  DEN  AUGEN

Die Autobiografie des Führers der Tuareg im Niger

»Jedes Mal, wenn ich der Wüste gegenüberstehe, führt sie mich auf die erregende Reise in mein eigenes Ich, in dem wehmütige Erinnerungen, Befürchtungen und Hoffnungen des Lebens miteinander streiten. Wer in der Wüste überleben will, muss sie verstehen, ihr zuhören. Denn sie wird immer stärker sein als der Mensch. Man muss, um hier zu leben, ebensoviel Bescheidenheit wie Mut aufbringen. Die Wüste scheint ihrem Bewohner ewig, und sie schenkt diese Ewigkeit dem Menschen, der sich ihr verbunden fühlt.« Mano Dayak

Das bewegte, viel zu kurze Leben des Anführers der Tuareg. »Die Tuareg und die Wüste haben nicht nur einen Sohn verloren, sondern auch ihren größten Anwalt.« Mohamed Akotey


Mano Dayak war Tuareg aus dem Air-Gebirge im Niger, Angehöriger eines Stammes jener Nomaden, die unermessliche Wüstengebiete Nordafrikas bewohnen, die sich von Marokko und Algerien bis Mali und Niger erstrecken. Während Jahrhunderten hatten sich die Tuareg gegenüber den gewaltvollen Angriffen der Kolonialmächte zur Wehr gesetzt und ihre unabhängige und stolze Lebensweise bewahrt. Mano wuchs in der Wüste auf. Seine Mutter erzählte ihm die Mythen seiner Vorfahren, sein Vater machte ihn mit den Bräuchen vertraut.

Als Jüngster seiner Familie wurde Mano von den französischen Kolonialherren dazu gezwungen, die Schule zu besuchen, wo er von seinen neuen »Vorfahren«, den Galliern, vernahm. Dessen ungeachtet fand er sich in der westlichen Lebensweise zurecht, zeichnete sich durch gute Leistungen aus und brach auf, um in New York und Paris eine akademische Ausbildung anzuschließen.

Als er Jahre später in die Wüste zurückkehrte, fand er sie von Grenzen willkürlich durchzogen wieder und erfuhr, dass Tausende von Tuareg niedergemetzelt worden waren. Außer sich begab er sich mitten in das Herz der Auseinandersetzungen; im Kampf für die Rechte der Tuareg wurde er zu einer wichtigen politischen Figur und spielte eine zentrale Rolle auf dem Weg zum Frieden im Niger.

Im Dezember 1995 bestieg Mano Dayak ein Flugzeug, um den nigrischen Premierminister zu treffen. Es sollten Wege diskutiert werden, den Frieden im Niger zu sichern. Das Flugzeug explodierte beim Start. Mano Dayak kam bei dem tragischen Unglücksfall ums Leben.

In Zusammenarbeit mit Louis Valentin
Aus dem Französischen von Sigrid Köppen

Mano Dayak
Geboren mit Sand in den Augen
Taschenbuch broschiert
224 Seiten
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Reise in die Sahara

Reise in die Sahara 

LUCIEN  LEITESS (Hrsg.)

REISE  IN  DIE  SAHARA

Kulturkompass fürs Handgepäck

Aus dem Inhalt:

Die Sahara – ein Lebensraum voller Geheimnisse, Wunder, Künste und Geschichten
Antoine de Saint-Exupéry stürzt in der Wüste ab und erlebt, was es heißt, zu verdursten
Ibrahim al-Koni erzählt von Gazellen, Mufflons, Vogelschwärmen und vom selig machenden Regen
Théodore Monod findet Wasser, wo es keiner erwartet
Rainer-K. Langner staunt über die Überlebenskunst von Kamel, Akazie, Springmaus und Distelfalter
Gerd Spittler begleitet die Hirtin Guzzel, lernt die Kunst, jedes Kamel an seiner Spur zu erkennen und enthüllt die nächtlichen Besuche der Liebenden
Albert Camus beobachtet Janine beim Ehebruch in der Oase
Ines Kohl erforscht die feinen Abstufungen von Stand, Abstammung und Hautfarbe
Henri Lothe ist überwältigt von den tausend Felsbildern im Tassili-Gebirge
Mouloud Mammeri besucht eine Tuaregschulklasse, die den Lehrer zur Verzweiflung bringt
Michael T. Ganz berichtet vom Musikfestival bei Timbuktu
Kurt Pelda verfolgt die Routen der Kokainschmuggler

Dies und vieles mehr aus der Sahara …


Herausgegeben von Lucien Leitess
Reise in die Sahara
Taschenbuch broschiert
288 Seiten
nur Euro 12,90    Buch kaufen